Gartenzwerg 1 / 3

© Brigitte Wagner-Steiner

Grundlegende Betrachtung zu
Nanus hortorum vulgaris

Was musste der Gartenzwerg nicht schon alles erdulden im Lauf seiner Geschichte. Vom Kitschvorwurf bis zur Symbolfigur der Spießbürgerlichkeit reichten und reichen die Vorurteile. Dabei gehen die ältesten nachgewiesenen Gartenzwerge auf keinen Geringeren zurück als den großen Barockbaumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach. Ende des 17. Jahrhunderts war es, als er für den "Zwergelgarten" von Schloss Mirabell in Salzburg die bis heute erhaltenen Gartenzwerge entwarf. Von ursprünglich 28 sind noch 17 erhalten. Modell gestanden dürften die Hofzwerge sein, ein angesehener Teil des Dienstpersonals.

Und wenn die Steinzeitmenschen in ihrem Steinzeitschrebergarten eine kleine dicke Frau aus Sandstein aufgestellt hatten, wer weiß schon, welche Funktion sie tatsächlich bekleidete. War sie die Urmutter der Gartenzwerge?

Die Sandsteinfiguren auf dem niederösterreichischen Schloss Greillenstein weisen ein ähnliches Alter auf wie ihre Brüder in Salzburg. Sie gehörten schlicht zur Standardausstattung herrschaftlicher barocker Parkanlagen. Dem Nachahmungstrieb des Bürgertums ist es geschuldet, dass sie bald auch deren Gärten bevölkerten. Und weil die Kleinbürger gerne den Großbürgern nacheifern undsoweiter, eroberten sie bald den unscheinbarsten Bauerngarten. Berühmte Porzellanmanufakturen wie jene in Wien und Meissen nahmen darauf Gartenzwerge in ihr Produktsortiment auf.

Thüringen entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der Zwergenindustrie. Dort wurden sie bereits in Massen- und Serienproduktion hergestellt. August Heissner gründete 1872 in Gräfenroda eine Manufaktur, die bis heute besteht, aber nach Lauterbach in Hessen übersiedelt ist. Das Unternehmen ist mit Niederlassungen auch in der Schweiz und in Österreich vertreten. In Gräfenroda besteht noch die Firma Griebel (www.zwergen-griebel.de) Es gibt dort auch ein Gartenzwerg-Museum.

Aufklärung, Kriegs- und Notzeiten sind keine guten Gartenzwergzeiten. Eine Renaissance erlebten die Zwerge um 1960 und dann noch einmal um 1990, dafür aber in meist provokativen Kreationen. Die Gartenzwergpopulation wird für Deutschland auf 25 Millionen geschätzt. Die Zahlen für Österreich wird man etwa mit dem Faktor zehn dividieren können.

Wissenschaft vom Gartenzwerg (Scientia nanologica)

Nanologie heißt die Zwergenkunde in akademischen Kreisen. Ein eigener Lehrstuhl steckt immer noch in den Zwergerlschuhen. Noch hat es der Nanus hortorum vulgaris, wie der gemeine mitteleuropäische Gartenzwerg wissenschaftlich heißt, nicht zu seiner wahren kulturwissenschaftlichen Größe gebracht. Apropos Größe: Die Maximalgröße beträgt für einen Gartenzwerg 68 cm. Es existieren belebte (Ton, Porzellan, Nanus hortorum vulgaris animatus) und unbelebte (Kunststoff), artige (arbeitende) und unartige (faulenzende), neuerdings auch abartige. Kennzeichen echter beseelter Gartenzwerge sind rote Zipfelmütze, grüne Schürze und ein Gartenwerkzeug. Musische lesen ein Buch oder spielen ein Musikinstrument.

Der Basler Journalist und Gartenzwergkenner Hanns-U. Christen (1917-2003) prägte bereits um 1965 den Begriff „Hortonanologie“.

Der führende Wissenschafter auf dem Gebiet der Nanologie und „Patron der Gartenzwerge“ war der Basler Journalist Fritz Friedmann-Thün (1914-2012).

Einteilung des Gartenzwergs:

Nanus hortorum vulgaris – der gewöhnliche Gartenzwerg
Untergruppen:

  • Nanus viridarii – der Lustgartenzwerg
  • Nanus pomarii – der Obstgartenzwerg
  • Nanus venenus – der Giftzwerg, verhältnismäßig selten

Der nationalökonomische Ansatz des Trägers des alternativen Nobelpreises, Leopold Kohr, „Small is beautiful“, bezieht sich nicht auf den Gartenzwerg, kann aber auf ihn angewandt werden.

Bernhard Nagl: Betrachtungen über den Gartenzwerg – Darmstadt 1991/92:
3 Theorien zur Abstammungslehre

  1. Darstellungen in der romantischen Malerei, Illustrationen von Sagen- und Märchenbüchern
  2. Bergbau, wofür kleinwüchsige Menschen besonders geeignet waren
  3. Nachahmung der Garten-Figuren des Adels und des Großbürgertums

Ausstattung des Gartenzwergs

Rote Mütze (Phrygische oder Jakobinermütze) - obligatorisch
Grüne Schürze (hier finden sich die häufigsten Abweichungen im natürlichen Vorkommen)
Feste Schuhe (bei sehr entspannten Zwergen wurden auch schon Hausschuhe beobachtet)
Weißer Bart - obligatorisch

Die Bezeichnung Gartenzwerg wird um 1930 üblich, davor wurden sie als Gartenfiguren tituliert.

 

Gartenzwerg-Museen und -ausstellungen

Deutsches Gartenzwerg-Museum, Tot am See (Baden-Württemberg), seit 1991, Gründer: Jutta und Günter Griebel (Urenkel Philipp Griebls, des Gründers des Terrakotta-Betriebs in Gräfenroda), 1993 fand hier die Zwergomenta statt mit 250 Teilnehmern aus 33 Ländern.

2004 Thüringer Gartenzwerg-Museum im Zwergen-Park Drusetal (Landkreis Schmalkalden-Meiningen, Süd-Thüringen)

Im Jahr 1980 wurde die Epoche der Gartenzwerg-Ausstellungen eingeläutet. Den Anfang machte die „Grün 80“, eine Gartenbauaustellung in Basel.

1988 zeigte das Warenhaus Loeb in Bern „Zwerg 2000“, unter gleichem Titel war die Schau auch in Zürich zu Gast.

Es folgten Ausstellungen in Ulm (1990), Stuttgart (1993), München, Schloss Trautenfels in der Steiermark, dort unter dem Titel „Die Zwerge kommen …“

Dauerpräsentationen in Gartenzwerg-Parks existieren in Gurk in Kärnten und in Verden an der Aller (D).

 

Aktuelles

 

In der Ausstellung „Garten – Lust. Last. Leidenschaft.“ (18. März 2018 bis 10. Februar 2019) im Museum Niederösterreich fungiert Heissner als Leihgeber, es ist die Sonderedition von 2017 (nach originalen Keramikformen) zu sehen: Waldemar, der Gartenwächterzwerg mit Laterne, Wilhelm, der Vorlese-Zwerg, der seinen Gefährten stets mit Rat und Tat zur Seite steht, Wendelin, der Flötenspieler und schließlich der Sammler-Zwerg Waldfried.

Als Objekt des Monats März 2018 werden die fünf Waldmänner präsentiert, emsige Arbeiter, die ihren wohlverdienten Feierabend genießen und daher sichtlich entspannt sind.

 

Text: Gerhard Hintringer

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