Hans Kudlich

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Der „Bauernbefreier“ (1823 - 1917)

Auf seinen Gesetzesantrag hin befasst sich der österreichische Reichsrat im Sommer 1848 mit der Befreiung der Bauern aus ihrer Abhängigkeit von den Grundherren - und damit der endgültigen Auflösung der mittelalterlichen Sozialordnung. Die Bauernbefreiung ist einer der Aktivposten der Revolution von 1848. Das hat in einem Land, in dem jeder zweite von der Landwirtschaft abhängig ist, keine geringe Bedeutung.

Hans Kudlich wird 1823 in eine wohlhabende und politisch aktive Bauernfamilie geboren, die in einem Ort namens Lobenstein (heute Úvalno, Tschechien) unmittelbar an der österreichisch-preußischen Grenze lebte.

In der Familie lebt, so betont Kudlich in seinen Erinnerungen, noch das Wissen um protestantische Vorfahren, die auch in ihm den Keim für sein politisches Engagement gelegt haben. Im jenseits der Grenze liegenden, benachbarten preußischen Dorf Branitz (Branice, heute Polen) ist die Grundlastenablösung schon 1807 durchgeführt worden. Allerdings haben die preußisch-schlesischen Bauern hohe Ablösungssummen zu zahlen, die sie finanziell stark belasten. Das Ziel einer entschädigungslosen bzw. durch den Staat zu bezahlenden Grundentlastung ist in den Verhandlungen vom Sommer 1848 das Leitziel Kudlichs.

Aus den Bauernfamilien von Lobenstein gehen zahlreiche Regionalbeamte, Priester, Ärzte und Juristen hervor. Fast jeder Bauer besucht zumindest einige Klassen des Gymnasiums von Troppau (Opava). Man spricht aufgrund des hohen Bildungsstandards der Bevölkerung vom „lateinischen Dorf“. Auch Hans Kudlich besucht das Gymnasium. 1839 geht er, mit Erlaubnis der Grundherrschaft, die damals noch notwendig ist, an die Wiener Universität, um Jus zu studieren. 
Sein älterer Bruder Hermann, der gleichfalls in Wien studiert, führt ihn ein in die bürgerlich-liberale Wiener Gesellschaft. Hans Kudlich wird Hauslehrer in der Familie des reichen Notars Josef August Eltz. Er lernt in diesen Jahren aber auch Ernst von Violand kennen, der ihm das soziale Elend in Wiener Vorstadtvierteln vor Augen führt.

Am 13. März 1848 ist Hans Kudlich aktiv an den Ereignissen im Hof des Landhauses beteiligt und wird beim Angriff des Militärs gegen die Demonstranten durch einen Bajonettstich schwer an der Hand verletzt. Er fährt nach Hause, um seine Verletzungen auszuheilen. Nun noch kämpferisch geworden, beschließt Kudlich im Wahlbezirk Beneschau (Horní Benešov) für den österreichischen Reichstag zu kandidieren. Im zweiten Wahlgang erhält Kudlich das Mandat, er schließt sich Abgeordneten der deutschen Linken an. Am 26. Juli 1848 stellt er den berühmt gewordenen Antrag zur Aufhebung der Grunduntertänigkeit. Nach zähen Verhandlungen gelingt Ende August der Durchbruch und am 7. September wird ein entsprechendes Gesetz veröffentlicht.

Mitte Oktober zieht Kudlich durch zahlreiche Orte in Nieder- und Oberösterreich, um Bauern für die Verteidigung der Revolution zu mobilisieren – allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Kudlich wird nunmehr bereits von den Behörden gesucht und geht nach Kremsier (Kroměříž), wo er durch die Abgeordnetenimmunität geschützt ist. Allerdings glaubt er immer weniger an eine Modernisierung der Habsburgermonarchie, sondern klammert sich an die Idee eines freien, demokratischen Deutschland. Er taucht in den verschiedenen Brennpunkten der Revolution auf: in Frankfurt, in Dresden, in der Pfalz, betätigt sich im Badener Aufstand, ehe er im Juni 1849 in die Schweiz flüchtet. In Bern kann Kudlich im Haushalt eines liberal gesinnten Arztes vorerst untertauchen. Kudlich beginnt ein Medizinstudium. Die Schweizer Behörden, von Österreich bedrängt, können ihm nur einen Aufschub bis zum Abschluss seiner Prüfungen zusichern, an eine Niederlassung ist nicht zu denken. Kudlich beendet 1853 sein Studium und heiratet Luise Vogt, die Tochter seines Gastgebers. Mit ihr verlässt er Europa.

1854 lässt sich Kudlich als Arzt in Hoboken bei New York nieder. Im amerikanischen Bürgerkrieg engagiert er sich auf Seite der Nordstaaten. Die Befreiung Unterdrückter, so schreibt er, lässt ihn Amerika erst zu Heimat werden. Aber auch die Vorgänge in Österreich-Ungarn interessieren ihn weiterhin. 1867 wird er, wie viele „Achtundvierziger“, amnestiert. 
Kudlich kehrt 1872 noch einmal nach Österreich zurück und plant ein politisches Comeback. Er wird zwar jubelnd empfangen, kann aber in der stark veränderten politischen Szene nicht richtig fußfassen und kehrt in die USA zurück.

Kudlich ist von Bismarcks Einigungspolitik und der Gründung des Deutschen Reichs fasziniert. Immer deutlicher bricht in seinem Denken eine großdeutsche und betont antislawische Haltung durch, die es heute schwer macht, sein politisches Engagement ohne Vorbehalt zu würdigen. Seiner Popularität, vor allem in der deutschsprachigen Bevölkerung der böhmischen Länder sollte diese Tendenz freilich keinen Abbruch tun. Schon zu Lebzeiten werden zahlreiche Kudlich-Denkmäler errichtet.

Es fehlte übrigens nicht viel, und Hans Kudlich hätte das Ende der von ihm nicht gerade geliebten Habsburgermonarchie noch erlebt. Er stirbt am 10. November 1917 im Alter von 94 Jahren in Hoboken. Seine sterblichen Überreste werden nach Europa überführt und im Oktober 1925 in eine eigens errichtete Gruft in seinem Heimatort Lobenstein gebracht.

Text: Dr. Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich

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