Fliegenpilz

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Der Fliegenpilz – Giftiges Glück?

Den Fliegenpilz mit dem leuchtend roten, weiß getupften Hut kennt jedes Kind. Der Fliegenpilz gilt als Glückssymbol, und das, obwohl er giftig ist.
Der Fliegenpilz, lateinisch Amanita muscaria, gehört zur Gattung der Knollenblätterpilze. Unter den knapp 40 verschiedenen, aus Österreich bekannten Arten sind der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz, aber auch einer der besten Speisepilze, der Kaiserling.
Der Fliegenpilz ist ein häufiger Pilz in den Wäldern der ganzen Nordhalbkugel. Ein wesentlich seltenerer Gast in den heimischen Wäldern ist der Königs-Fliegenpilz (Amantia regalis) mit braunem Hut. Er wird in der aktuellen Roten Liste der Pilze Österreichs als potentiell gefährdet geführt.
Als Pilze, Schwämme oder Schwammerl werden umgangssprachlich nur die Fruchtkörper des Pilzes bezeichnet. Die auffälligen Fliegenpilze sind also nur der sichtbare Teil eines Organismus, der als Geflecht feinster Zellfäden verborgen im Waldboden lebt.
Die auffallend weißen Tupfen am leuchtend roten Hut des Fliegenpilzes sind Reste einer Schutzschichte, die den jungen Pilz beim Wachsen schützt. Dieses sogenannte Velum bildet auch den weißen Ring am Stiel des Pilzes. Am jungen Pilz schützt der spätere Ring die Lamellen an der Hutunterseite, in denen die Sporen der Pilze gebildet werden, die der Fortpflanzung dienen. Die vielen feinen Lamellen an der Hutunterseite vergrößern die Oberfläche, damit besonders viele Sporen auf kleinstem Raum produziert werden.

Ein Männlein steht im Walde auf einem Bein

Fliegenpilze sind stets in Wäldern oder an Waldrändern zu finden, weil sie mit Bäumen wie Birken und Fichten zusammenleben. Diese Symbiose aus Baumwurzeln und Pilzgeflecht wird Mykorrhiza genannt („Pilzwurzel“ - von griechisch mykes = Pilz und rhiza = Wurzel). Pflanze und Pilz profitieren von diesem Zusammenleben: Der Pilz liefert der Pflanze Wasser und Nährstoffe, und die Pflanze versorgt den Pilz mit energiereichen Kohlehydraten (Zucker), die er selbst nicht herstellen kann. Mykorrhizapilze wie der Fliegenpilz können ohne ihren Baumpartner nicht überleben. Und ohne solche Pilzsymbiosen würde zum Beispiel die alpine Waldgrenze wesentlich niedriger liegen, weil die kurze Vegetationszeit in den Bergen den Bäumen ohne Pilzpartner das Überleben schwer macht.
Ob in dem Kinderlied mit dem Männlein, das im Walde steht, auf einem Bein, ursprünglich der Fliegenpilz gemeint war, oder doch eine Hagebutte, ist nicht sicher. Ebenso gibt es viele Theorien, warum der Fliegenpilz Glück bringen soll. Es soll an der berauschenden Wirkung liegen, sagen die einen. Der prächtige Anblick allein vermag jedenfalls Freude und Glücksgefühle auszulösen, bei Menschen, die die Schönheiten der Natur erkennen können.
Erfahrene Schwammerlsucher jedoch schätzen den Fliegenpilz als Helfer bei der Suche nach Speisepilzen: Fliegenpilz, Fichten-Steinpilz und das Eierschwammerl haben ähnliche Standortansprüche und teilen sich oft sogar denselben Wirtsbaum. Somit kann der Anblick einer prächtigen Gruppe Fliegenpilze dem Pilzfreund viel Sammlerglück bringen.

Tödlich für Menschen und Fliegen?

Der Fliegenpilz wird auch Muckenschwamm oder Fliegentod genannt. Diese Namen weisen darauf hin, dass die Giftstoffe des Fliegenpilzes nicht nur uns Menschen zusetzen, sondern auch Insekten beeinträchtigen können. Schon lange wurden und werden vor allem in ländlichen Gegenden mit gezuckerter Milch übergossene Fliegenpilzstückchen als Fliegenfalle verwendet. Die Fliegen sterben jedoch nicht am Pilzgift, sondern sind von diesem lediglich benommen. In diesem Zustand ertrinken sie leicht in der Milch, oder werden Opfer der Fliegenklatsche.
Bereits im 19. Jahrhundert wurde einer der Giftstoffe des Fliegenpilzes, das nach ihm benannte Muscarin, entdeckt. Fälschlicherweise machten die Forscher damals diesen Stoff für die Giftigkeit des Pilzes verantwortlich. Allerdings ist Muscarin nur in äußerst geringen Spuren in Fliegenpilzen enthalten. Erst in den 1950ern wurden Ibotensäure und Muscimol als tatsächlich für die Giftwirkung des Fliegenpilzes verantwortliche Stoffe identifiziert. Nur die Ibotensäure wird vom Pilz selbst gebildet, während das eigentlich wirksame Muscimol erst im Magen des Pilzessers entsteht.
Der Fliegenpilz spielte als Rauschdroge vor allem im nördlichen Eurasien und Amerika eine bedeutende Rolle. Der Ethnologe Wasson vertrat die nicht endgültig gesicherte Ansicht, dass die in über 3000 Jahre alten Sanskrittexten beschriebene göttliche Droge Soma der Fliegenpilz sei. Auch unter den sibirischen Schamanen wurde die bewusstseinserweiternde Wirkung des Fliegenpilzes genutzt. Sogar der Urin der Berauschten wurde getrunken, hatte sich doch dort das vom Körper gebildete Muscimol angereichert.
An dieser Stelle soll von jeglichen Selbstversuchen abgeraten werden. Auch wenn keine tödlichen Vergiftungen durch den Fliegenpilz bekannt sind, so wird der Rauschzustand mit heftigen Vergiftungserscheinungen wie Magenschmerzen, Erbrechen und Kämpfen erkauft. Zudem stellen sich nicht immer die erhofften Glücksgefühle oder angenehme Visionen ein, auch „Horrortrips“ mit Tobsuchtsanfällen, heftigen Angstzuständen und Depressionen sind dokumentiert. Oft erscheinen den Berauschten kleine Dinge sehr groß, und vielleicht ist sogar die Idee zu Alice im Wunderland einem Fliegenpilzrausch entsprungen.

Text: Dr. Gabriele Kovacs

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