Altes Wissen neu interpretiert: Forstwirtschaft mit Eichelhäher

Das Benediktinerstift Altenburg im Waldviertel ist 876 Jahre alt, umgeben von 2.800 Hektar stiftseigenem Wald, der maßgeblichen wirtschaftlichen Säule des Klosters. Der Klimawandel setzt dem Wald zu, die Folgen:  Trockenheit, Sturm, Borkenkäfer – Schadholz, Überangebot, Preisverfall.

Resilienz, das Zauberwort des Mentalcoachings, die Widerstandsfähigkeit gegen Anfechtungen aller Art, ist auch im Ökosystem Wald ein sicherer Anker. Ausgeworfen hat ihn der Forstdirektor des Stiftes, indem er den Eichelhäher anhält, den Stiftswald mit Laubbäumen aufzuforsten, sein getreuer Forstgehilfe zu sein. Als Honorar winkt dem fliegenden Assistenten saisonales und regionales Vogelfutter.

Welche Überlegungen sind dem vorangegangen? Ich frage den Forstdirektor des Stiftes Altenburg, Herbert Schmid, ausgezeichnet mit dem Staatspreis für beispielhafte Waldwirtschaft (und zahllosen weiteren Preisen).  Link: https://player.vimeo.com/video/292314772

 

Es war mir schon während meiner Praxiszeit Anfang der 1980er Jahre ein Dorn im Auge, Eichen umzuschneiden und mit Fichten aufzuforsten. Es ist nicht natürlich. Man war damals der Ansicht, Naturverjüngung wäre bei uns nicht möglich. Dann kam der Katastrophenwinter 1995/96 mit Raureif- und Schneebruchschäden und enormem Schadholzanfall. Bald danach waren die ersten Folgen des Klimawandels spürbar. Es begann ein Umdenken: weg von der Monokultur mit Ackerbau auf Waldboden, hin zu ursprünglichen Mischwäldern. Die Fichte ist uns nach wie vor willkommen, dort, wo sie natürlich aufkommt, ohne Aufforstung.

Der Schadensfall war im Rückblick betrachtet ein Glücksfall. Nach der Aufarbeitung von rund 100.000 Festmetern Schadholz war plötzlich Platz, Licht und Luft für natürliche Waldverjüngung, das war der Startschuss für den Dauerwaldbetrieb. Die Selbsterneuerungs- und Selbstregulierungskräfte der Natur arbeiten ohne großen Aufwand. Die natürliche Aufforstung verläuft in Etappen. Der Wald, der daraus entsteht, ist entsprechend robuster. Auch im Hinblick auf den Klimawandel.

Ist der Dauerwald also keine öko-romantische Wunschvorstellung?

Im Eichen-Buchen-Tannen-Dauerwald produzieren wir Wertholz, das wir auf Nachfrage einzeln entnehmen. Es erfolgt kein Kahlschlag. So wird der Wald von Jahr zu Jahr stabiler, von Generation zu Generation wertvoller.

Norikerpferde übernehmen in sensiblen Bereichen den Holztransport und sorgen dafür, dass der Boden nicht zu sehr verdichtet wird.

Eichelhäher

Wie sind Sie auf den Eichelhäher gekommen?

Einmal habe ich ein verwaistes Eichelhäherjunges großgezogen und dabei beobachtet, dass es begann, noch ehe es flügge wurde, das Futter zu verstecken. Das hat zur Idee geführt, dieses Verhalten für den Wald nutzbar zu machen. Ich habe 2014 begonnen, im Nadelwald Eichelhäher auf Futtertischen mit Eicheln und Bucheckern zu füttern. Und tatsächlich, im weiten Umkreis der Futtertische keimten Eichen und Buchen. Das Verfahren wurde weiterentwickelt, seit 2017 wird es im Rahmen einer Masterarbeit an der Boku wissenschaftlich begleitet.

100 Futtertische auf einer 300 ha großen Nadelwaldfläche aus Fichten, Lärchen und Kiefern umfasst das Projekt, das längst den Fußstapfen eines Experiments entwachsen ist. Auf den Tisch kommen die im eigenen Wald gesammelten Eicheln und Bucheckern, wodurch einzig die Kosten für das Sammeln anfallen. Eicheln sind wahre Kalorienbomben, vergleichbar mit Schokolade. Nach Ende des natürlichen Samenfalls im Herbst werden Sonnenblumenkerne aus der stiftseigenen Bio-Landwirtschaft angeboten. Die Vögel müssen nicht auf Vorräte zurückgreifen, so bleibt die Winterration weitgehend unangetastet im Boden und hat Zeit zu keimen.

Bepflanzung

                                                               

Zusätzliche Maßnahmen und weitere Verbündete

Nach dem Katastrophenwinter Mitte der 1990er Jahre war wenig Zeit, sich um alle Ecken und Winkel im Stiftswald zu kümmern. Auf einer entlegenen Waldfläche von rund 90 ha entstand ein gewaltiges Brombeerdickicht (der Alptraum jedes traditionellen Försters). Natürlich von Brombeeren vor Verbiss geschützt sind auf dieser Fläche Tannen, Eichen, Buchen, Ahorn, Kirsche und Fichten gewachsen. Es dauerte zehn bis 20 Jahre, bis die Bäume das Dornengestrüpp durchstoßen hatten. Das widerspricht ganz der gängigen Praxis und Lehrmeinung, funktioniert aber dennoch.

Damit sich der Wald der Zukunft „klimafit“ entwickeln kann, muss der Wildbestand entsprechend an die Waldfläche angepasst sein. Die notwendige Vielfalt an Baumarten ist nur zu erreichen, wenn der Rehwildbestand in den Stiftswäldern niedrig gehalten wird.  Besonderen Schutz genießt der Eichelhäher, eine Spezialität des Altenburger Stiftswaldes; in Niederösterreich steht er überall auf der Abschussliste.

Wissenswertes über den Eichelhäher:

https://www.museumnoe.at/de/das-museum/blog/der-eichelhaeher

Das Jahresergebnis 2020 all dieser Maßnahmen kann sich sehen lassen: 30.000 markierte Eichen- und Buchenkeimlinge bilden die Grundlage für den künftigen Wald.

Fichtenumbau

Ein Wort noch zum Borkenkäfer

Sie tragen sympathische Namen, heißen Buchdrucker und Waldgärtner und setzen den Fichten- und Kiefernbeständen seit Jahren gehörig zu. Hohe Temperaturen, wenig Niederschlag, kaum Winterfeuchte, daher wenig Harzproduktion, folglich wenig Abwehrkräfte. Ein gefundenes Fressen für Schädlinge. Befallene Bäume und deren Nachbarbäume müssen in kurzer Zeit entfernt werden, so entstehen Lücken, in denen natürlich verjüngt in wenigen Jahren der Mischwald entsteht. Dem kommt die Angewohnheit des Eichelhähers entgegen, seinen Eichel-Wintervorrat nicht nächst der Eichenstämme anzulegen, sondern in der Nähe von Nadelbäumen, an offenen Stellen, wo sich Kleinnager aus guten Gründen nicht hinwagen.

Fütterung

Ebenfalls erwähnenswert …

… ist der Totholzanteil in den Stiftswäldern, Heimat des bedrohten Alpenbocks, eines bereits äußerst seltenen Käfers. Dass er sich hier heimisch fühlt, spricht für naturnahe Waldbewirtschaftung.

… sind 40 ha multifunktionale Blühstreifen aus Gräsern, Kräutern, Wildblumen. Sie säumen Forststraßen und Wege, sind Nahrung für Bienen und Schmetterlinge, Ablenkung für die Rehe und Holzlagerplatz.

Der Altenburger Stiftswald wird zusehends zu eine Art Garten Eden der Bäume, in dem Biodiversität und Nachhaltigkeit Einzug gehalten haben, über dem das österreichische Wappentier, der Seeadler, kreist, der Wolf auf Besuch kommt,  in dem sich der seltene Alpenbockkäfer wohl fühlt, die Honig- und vor allem Wildbienen summen, Lohrinde gewonnen wird und manche Arbeit mit Pferden erfolgt wie vor hundert und mehr Jahren. In Jahrhunderten denkt auch das Stift und unterstützt die Neuinterpretation alten Wissens nach Kräften.

                                                                                                                                                                         

Wie wird man Förster?

Förster

Es klingt ein wenig wie ein Märchen: Es war einmal ein Taferlklassler, der saß mit seiner Angebeteten in der ersten Reihe seiner Volksschulklasse. Ihr Vater war Förster, einer wie „Der Förster vom Silberwald“ mit Hut, Fernglas und Dackel an der Leine. Eines Tages kam er in die Schule, um den Kindern der Klasse den Försterberuf vorzustellen. Seit dieser Begegnung stand Herberts Berufswunsch fest.

Herbert Schmid (*1964) besucht die Höhere Lehranstalt für Forstwirtschaft (Försterschule) in Bad Vöslau-Gainfarn. Schon seine Pflichtpraktika absolviert er im Stift Altenburg. Heute ist Herbert Schmid Forstdirektor und seit 1985 für das Stift Altenburg im Einsatz.

 

Text: Gerhard Hintringer

Fotos: Paula Pöchlauer-Kozel, Herbert Schmid, Video: Stift Altenburg

 

Blog-Nachlese:

https://www.museumnoe.at/de/das-museum/blog/875-jahre-stift-altenburg

https://www.museumnoe.at/de/das-museum/blog/der-eichelhaeher

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