100 Jahre Frauenwahlrecht

Ein Projekt von Publicart.at
Tatiana Lecomtes „Frauen und Mädchen!“ (2018)

Es ist billig, daß allen weiblichen Unterthanen zugestanden werde, daß sie vollkommen gleiche Rechte mit der männlichen Einwohnerschaft behaupten […].“ ¹

Frau Pauli […] forderte die Frauen auf sich in Organisationen zusammenzufinden, um gegen Reaktion und Terror, die größten Feinde der Frauenfreiheit, vereint und schlagkräftig vorgehen zu können.“²

Tatiana Lecomte hat diese zwei Zitate sowie 50 weitere Textstellen aus Zeitschriften, Vorträgen und Petitionen ausgewählt, um an 70 Jahre im Kampf für Frauenrechte in Österreich zu erinnern: 70 Jahre, in denen Frauen sich nicht in Vereinen zusammenschließen und für ihre politische Teilhabe eintreten durften; 70 Jahre, in denen sie trotzdem Wege fanden, gemeinsam ihre Anliegen zu vertreten. Die meist anonymen Zitate werden knapp zwei Monate lang als Flugblätter vor dem Palais Niederösterreich verteilt. Zusätzlich erinnern wöchentlich wechselnde Fahnen an Vertreterinnen der österreichischen Frauenbewegung.

Die Künstlerin greift mit dieser Aktion in die offizielle Erinnerungspolitik im öffentlichen Raum ein. Sie macht Frauen und deren Kampf für Gleichberechtigung sichtbar, ohne diesen Frauen ein herkömmliches Denkmal zu setzen. Den auf das Überdauern angelegten Monumenten setzt sie die ephemere Qualität ihres Projekts entgegen: Mit der Form des Flugblatts greift sie mediale Strategien auf, die schon 1848 genutzt wurden, um für revolutionäre Anliegen zu werben. Statt das Gedenken an einem einzelnen Punkt in der Stadt zu bündeln, streut Lecomte Texte aus der Vergangenheit in alle Richtungen. Und anstatt an eine große Frau zu erinnern, verweist sie auf die Bestrebungen von unzähligen Frauen, darunter auch viele, von denen wir nicht einmal den Namen kennen.

Die zu Beginn zitierten Textstellen legen eine Geschichte der Emanzipation nahe, die einen roten Faden hat; einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Happy End. Doch obwohl die Texte in chronologischer Reihenfolge verteilt werden, sind sie nicht darauf angelegt eine lineare Geschichte zu erzählen. Vielmehr kommen viele verschiedene Stimmen zu Wort und unterschiedliche Interessen treten zu Tage: etwa die von Vertreterinnen der Arbeiterbewegung und von Grundbesitzerinnen, von Lehrerinnen und Künstlerinnen oder auch die von Leiterinnen katholischer sowie jüdischer Wohltätigkeitsvereinen. Zusätzlich äußern sich auch Männer, solche, die Frauen unterstützten und solche, die den Status quo beibehalten wollten.

Indem die Künstlerin die von ihr ausgewählten Nachrichten als Flugblätter drucken lässt, gibt sie diesen Splittern vergangener Debatten eine neue Form und trotz aller Flüchtigkeit, einen neuen, materiellen Körper. Das unkommentierte Nebeneinander einzelner Textfragmente entspricht dabei dem Prinzip der Montage. Damit wendet die Künstlerin eine formale Strategie für schriftliche Fundstücke an, die sie in den letzten Jahren für gefundene Fotografien verwendet hat, um rassistische Bildpolitiken zu analysieren oder die Darstellbarkeit historischen Geschehens mittels Fotografien zu hinterfragen. Für Walter Benjamin diente die Montage als Modell für eine andere Form des Schreibens. Zu seinem Passagen-Werk, das nur aus Zitaten bestehen sollte, meinte er: „Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.“³

Tatiana Lecomte gibt uns einzelne Nachrichten aus der Vergangenheit zu lesen, ohne sie vom heutigen Standpunkt aus ihrer Bedeutung nach zu gewichten. Dieser konsequente Fokus auf die zeitliche Perspektive der damaligen Akteur_innen unterscheidet Lecomtes Herangehensweise von üblichen Formen der Geschichtsschreibung und damit auch von üblichen musealen Darstellungen vergangenen Geschehens. So wie wir nicht wissen können was in einem Jahr passieren wird, welche Ideen sich durchsetzen und welche Personen an Einfluss verlieren werden, so finden sich auch auf den Flugblättern Einschätzungen zur Zukunft, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben. Damit zeigen diese Textstellen etwas, was eigentlich ganz offensichtlich ist, in der Beschäftigung mit Geschichte aber oft unterschlagen wird: Die konkreten Folgen bestimmter Ereignisse sind in der jeweiligen Gegenwart nicht absehbar und es hätte zu jedem Zeitpunkt auch ganz anders kommen können. Die Künstlerin verzichtet mit der Streuung von Nachrichten aus der Vergangenheit also darauf, die Rolle einer Historikerin oder einer wissenden Erzählerin einzunehmen. Vielmehr gibt sie uns Einblick in eine vergangene Gegenwart, die ebenso undurchsichtig ist, wie unsere eigene Gegenwart.

Den formalen Strategien der räumlichen Zerstreuung der Texte mittels Flugblättern, die Wiedergabe einer Vielzahl an Stimmen und das Fehlen einer nachträglichen Perspektivierung des Vergangenen, entspricht eine Rezeption, die das Werk nie als Ganzes wahrnimmt: Kaum eine Person wird alle Flugblätter ausgehändigt bekommen und nur wenige werden sämtliche der wechselnden Fahnen sehen. Die Rezeption des Werks muss folglich bruchstückhaft bleiben. Somit sind die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Elementen hergestellt werden können, immer von Person zu Person unterschiedlich, abhängig von dem, was gerade vorliegt. Diese Aspekte machen es möglich, diese Intervention als eine Art Monument zu begreifen. In der Archäologie des Wissens schreibt Michel Foucault: „Sie [die Archäologie] behandelt den Diskurs nicht als Dokument, als Zeichen für etwas, als Element das transparent sein müsste, aber dessen lästige Undurchsichtigkeit man oft durchqueren muss, um schließlich dort, wo sie zurückgehalten wird, die Tiefe des Wesentlichen zu erreichen; sie wendet sich an den Diskurs in seinem eigenen Volumen als Monument.“ 4

Wie Knut Ebeling betont, liegt die Unterscheidung zwischen Dokument und Monument weniger an der Beschaffenheit des historischen Materials, als an der Art, wie es befragt wird: „Ein archäologisches Monument oder Fundstück steht erst einmal fremd und fragwürdig vor uns und verrät uns seine Bedeutung nicht sofort – wir wissen nicht, was es repräsentiert.“5 Analog dazu sind die einzelnen Flugblätter und Fahnen der Intervention Frauen und Mädchen! nicht Elemente einer Geschichte, sondern stehen als Momentaufnahmen vergangener Debatten jeweils für sich. Als solche ermöglichen sie nicht, aus ihnen eine historische Entwicklung herauszulesen. Vielmehr werden mit den Flugblättern vergangene Phänomene punktuell und abrupt ins Heute katapultiert. Gleichzeitig werden diejenigen Strategien und Mechanismen offensichtlich, die dazu beitragen, Frauen die Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verwehren. Zwischen 1848 und 1919 waren die Autorinnen und Autoren gezwungen, immer wieder das Offensichtliche auszusprechen: dass Bildung allen gleichermaßen offen stehen soll, dass Arbeit und Familie einander nicht ausschließen und dass Frauen für ihre Arbeit angemessenen Lohn erhalten sollen.

Diese Forderungen haben nichts an Aktualität eingebüßt. Deshalb soll noch einmal Berta Pauli zu Wort kommen, die nur wenige Tage nachdem Frauen zum ersten Mal das Wahlrecht errungen hatten, Frauen aufforderte „sich in Organisationen zusammenzufinden, um gegen Reaktion und Terror, die größten Feinde der Frauenfreiheit, vereint und schlagkräftig vorgehen zu können.“6

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1) Gleichstellung der Rechte der Frauen mit jenen der Männer, Flugblatt: Wien 1848.
2) „Erste politische Versammlung des allgemeinen österreichischen Frauenvereins“, in: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Wien: Dezember 1918.
3) Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Erster Band, Frankfurt/M. 1983, S. 574.
4) Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 2000, S. 198. 
5) Knut Ebeling, Wilde Archäologien II, Berlin 2016, S. 383.
6) „Erste politische Versammlung des allgemeinen österreichischen Frauenvereins“, in: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Wien: Dezember 1918.

Text: Gudrun Ratzinger

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