Der Girlitz – ein gefiederter Zwerg mit klirrender Stimme

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Es ist Frühsommer. Auf dem Spaziergang am Stadtrand fällt ein hohes, rasend schnelles Zwitschern auf, das irgendwie an klirrendes Glas erinnert. Fast in Endlosschleife wird die Reihe von quietschenden, scharfen, klingelnden Klängen vorgetragen.
Ein Blick nach oben lässt einen sehr kleinen Vogel erkennen, der mit seltsam zeitlupenartigen Flügelschlägen von einer Sitzwarte zur anderen fliegt. Fast fledermausartig wirkt die Silhouette, während der kleine Sänger laut auf sich aufmerksam macht. Auf der Warte auf einer Baumspitze setzt er seinen Gesang fort, wobei er seinen runden Kopf aufgeregt nach links und rechts bewegt, die Flügel hängen lässt und die Schwanzfedern spreizt.
Erfahreneren Vogelfreund*innen ist schon beim ersten Hören klar: Das kann nur ein Girlitz sein. Und zwar ein Männchen, das mit seinen Sangeskünsten potenziellen Partnerinnen zeigen will, dass es einen guten Nistplatz zu bieten hat. Der nur notdürftig mit Worten beschreibbare Gesang ist einzigartig unter den heimischen Singvögeln und umfasst bis zu 50 verschiedene kurze Silben, die in schneller, wechselnder Reihenfolge abgespult werden. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es individuelle Unterschiede und sogar regionale Variationen, sozusagen Dialekte, gibt. Wie alle Singvögel hat auch der Girlitz zusätzlich zum Gesang weitere, kürzere und unauffälligere Rufe zu bieten, z.B. Warnrufe oder sogenannte Stimmfühlungslaute. Letztere sind dazu da, in Kontakt mit Artgenossen zu bleiben, etwa wenn außerhalb der Brutzeit in Gruppen gemeinsam auf Nahrungssuche geflogen wird.  Diese trillernden Stimmfühlungsrufe, die man etwa mit „tirriliit“ beschreiben könnte, haben dem Vogel seinen lautmalerischen deutschen Namen gegeben.

Der kleinste heimische Fink

Girlitz
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Aber schauen wir uns den kleinen Gesangskünstler einmal genauer an. Mit elf bis zwölf Zentimetern Körperlänge, einer Flügelspannweite von etwa 20 Zentimetern und einem Gewicht von elf bis 13 Gramm ist der Girlitz (Serinus serinus) der kleinste in unseren Breiten vorkommende Vogel der Familie der Finken (Fringillidae). Das Männchen ist oberseits grünlich mit schwarzen Streifen, auf den Seiten weiß gestreift und – vor allem im Brutkleid – zitronengelb an Gesicht, Kehle und Brust. Das Weibchen ist etwas matter olivgrün gefärbt und auch auf der Bauchseite gestreift. Beide Geschlechter haben einen dunklen „Wangenfleck“ im Gesicht, in dessen Mitte ein gelblicher kleinerer Fleck ist. Im Flug sieht man dünne, helle Flügelbinden (Streifen auf der Flügeloberseite). Verwechseln könnte man den Girlitz mit dem Erlenzeisig, der aber deutlichere, breitere gelbe Flügelbinden hat, mit dem Grünfink, der größer ist und kein Streifenmuster hat, oder mit der Goldammer. Letztere gehört nicht zu den Finken. Sie ist auch gelb-schwarz gestreift, ihr fehlt aber das Grünliche, sie ist größer als die beschriebenen Finken und hat einen rotbraunen Bürzel im Gegensatz zum gelben beim Girlitz (Der Bürzelbereich ist der untere Rücken vor der Schwanzwurzel). Auffallend beim Girlitz ist auch sein besonders kleiner, kurzer Schnabel.
Einer der bekanntesten Verwandten unseres kleinen Protagonisten ist übrigens ein beliebtes Heimtier: Der Kanarienvogel! Dieser ist die seit Jahrhunderten domestizierte Form des Kanarengirlitz, der mit dem heimischen Girlitz so nahe verwandt ist, dass es sogar fruchtbare Hybride (Mischformen) zwischen den beiden Arten gibt. Der wildlebende Kanarengirlitz ist etwas größer und lebt auf den Kanaren, den Azoren und auf Madeira.

Ein weit gereister Wanderer

Der ursprüngliche Verbreitungsschwerpunkt des Girlitzs war wahrscheinlich das Mittelmeergebiet. Heute kommt er auch in Nordafrika, Kleinasien und Kontinentaleuropa vor. Im 19. und 20. Jahrhundert hat er sich stark nach Norden und Osten ausgebreitet, sodass nach Österreich und weiten Teilen Deutschlands später sogar der Süden Skandinaviens und das Baltikum erreicht wurden. Aufgrund des wärmer werdenden Klimas ist diese Ausbreitung auch gegenwärtig noch im Gange. International gilt er noch als „nicht gefährdet“, doch gibt es europaweit Bestandsrückgänge um rund 40% in den letzten 30 Jahren.
In Österreich leben etwa 50.000 Brutpaare dieser Spezies. Das bedeutet allerdings einen noch größeren Rückgang der Populationen, nämlich um etwa 80% innerhalb der letzten 20 Jahre!

Klein, aber nicht anspruchslos

Wo finden wir den Girlitz und was braucht er, um sich wohlzufühlen?
Er kommt in ganz Österreich vor, bevorzugt aber als wärmeliebende Art das Flach- und Hügelland im Osten sowie Alpentäler. Besonders wichtig ist ihm ein Mix aus hohen Bäumen zum Brüten bzw. für den Gesang und Bereichen mit kurzer Vegetation, wo er seine Nahrung in Bodennähe findet. Neben natürlichen Waldrändern sind das hierzulande vor allem Gärten, Parks und Friedhöfe, Streuobstwiesen, Weingärten und Siedlungsränder.  Der Girlitz ist also ein richtiger Kulturfolger.

Das Girlitz-Jahr: Wandern, singen und brüten

In Mitteleuropa gehört der Girlitz zu den sogenannten Kurzstreckenziehern. Das heißt, er ist ein Zugvogel, aber zieht nicht so weit in den Süden wie z.B. Schwalben und Störche, sondern „nur“ bis ins Mittelmeergebiet oder höchstens Nordafrika. Österreichische Girlitze verbringen die Wintermonate größtenteils in Italien oder Griechenland.  Manche verbringen den Winter sogar bei uns. Mitte September bis Ende Oktober treten die Zieher ihre Herbstreise an, im März kommen sie wieder zurück nach Österreich. Die Männchen beginnen gleich mit dem Gesang und besetzen ein Territorium. Das Weibchen baut alleine ein kleines, napfförmiges Nest auf hohen Nadelbäumen oder auch in dichten Baumkronen von Laubbäumen. (Fichte, Föhre, Thuje, Buchsbaum, Wacholder, Ahorn…) Es werden 3 bis 5 grünliche bis bläuliche Eier mit kleinen Flecken gelegt und vom Weibchen ausgebrütet, welches vom Partner mit Nahrung versorgt wird. Nach zwölf bis 14 Tagen schlüpfen die Jungvögel, die von beiden Eltern gefüttert werden. Nach dem Ausflug füttert oft nur mehr der Vater, denn es kann sein, dass seine Partnerin bereits eine zweite Brut anfängt. Nach der Brutzeit bilden Girlitze größere Gemeinschaften von bis zu 150 Tieren, die sich auch gerne mit anderen Finken mischen. Die Lebenserwartung beträgt etwa acht bis neun Jahre.

Fast ein Vegetarier

An dieser Stelle fangen die Probleme an. Girlitze fressen fast ausschließlich kleine Samen von Wildkräutern, zum Teil auch kleinere Baumsamen (Ulme, Birke) sowie Knospen. Sogar die Jungvögel werden mit einem Brei von zerquetschten, unreifen Samen gefüttert. Tierische Nahrung nehmen sie nur in kleinen Mengen auf, vor allem Blattläuse.
Es wird leider heutzutage immer schwerer für die kleinen Samenfresser, Stellen mit ausreichenden Mengen an Wildkräutern zu finden. Die Versiegelung von Böden und die Verbauung von Siedlungsrändern greifen immer weiter um sich, Brachflächen fehlen in der intensiven Landwirtschaft und ein teils übertriebener Ordnungssinn in privaten Gärten führt zu ständig gemähten Rasen statt strukturreichen Naturgärten mit Hecken, Krautfluren und wilden Ecken.

S.O.S. Girlitz!

Die dramatischen Rückgänge der Bestände aufgrund der genannten Probleme mit der Nahrungsverfügbarkeit hat Vogel- und Naturschutzverbände wie BirdLife dazu gebracht, den Girlitz zum Vogel des Jahres 2021 zu wählen.
Damit soll auf die zunehmende Gefährdung des noch recht häufig vorkommenden Vogels hingewiesen werden aber es sollen auch Lösungsvorschläge ins Bewusstsein gebracht werden.
Im Falle des „gefiederten Zwerges mit der klirrenden Stimme“ ist hier durchaus auch die breite Bevölkerung gefragt, vor allem die Gartenbesitzer*innen.
Normale Vogelfutterstellen helfen dabei vor allem in der Brutzeit nur begrenzt. Wichtiger sind Stellen mit möglichst vielen heimischen Wildpflanzen! Das kann eine kleine naturbelassene Blütenwiese sein, Wildkräuter in Pflasterritzen oder Blumenbeeten, Gittersteine mit Ritzenvegetation statt Versiegelung und wilde Ecken.
Ein neues Produkt, das direkt auf die Bedürfnisse kleiner Finken wie Girlitz oder Stieglitz zugeschnitten ist, bietet das Unternehmen „da Erdwurm“ an: Die „Finkenbuffet – Seedballs“ sind kleine Samenkugeln von heimischen Wildblumen aus regionaler Herkunft, die man käuflich erwerben und im eigenen Garten anpflanzen kann. Ein Teil des Erlöses geht dabei an BirdLife und fließt in Vogelschutzprojekte.

Hier noch eine Liste mit nur einigen Beispielen von Pflanzen, die dem Girlitz Nahrung bieten:
Löwenzahn, Vogelmiere, Hirtentäschel, Rauken, Beifuß, Gänsedistel, Vogel-Knöterich, Wegwarte, Kamillen, Wegerich…

Wir können alle dazu beitragen, den klirrenden, klingelnden Gesang dieses kleinen, hübschen Vogels weiterhin als typischen Soundtrack der Siedlungsränder genießen zu können.

 

Autor: Mag. Michael Schroll

 

Quellen:

Karner-Ranner E, 2021. Der „Gartenzwerg“ unter den Finken. In: Vogelschutz in Österreich Nr. 50, Mai 2921
https://www.vienna.at/birdlife-kuert-vogel-des-jahres-2021-kleine-bedrohte-fink-art-girlitz/6774827
https://de.wikipedia.org/wiki/Girlitz

Svensson, L., Mullarney, K., & Zetterström, D. 2011. Der Kosmos Vogelführer. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG. Stuttgart
Khil, L., 2018. Vögel Österreichs. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG. Stuttgart

 

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