Museum zu Gast: Städtisches Museum Neunkirchen
Das Städtische Museum Neunkirchen bewahrt und vermittelt die Geschichte der Stadt und der Region in vielen Sammlungsbereichen. Zahlreiche Besonderheiten wie der „Neunkirchner Ötzi“ oder österreichische Dinosaurier warten darauf entdeckt zu werden.Geschichte des Städtischen Museums Neunkirchen
In die Blütezeit der Regionalmuseen im späten 19. Jahrhundert fällt der erste Entwurf für das Städtische Museum Neunkirchen. Anlässlich des Fundes römischer Steindenkmäler im Stadtgebiet wird bereits in den 1890ern über die Errichtung eines sogenannten „Localmuseums“ nachgedacht. Verwirklicht wird diese Idee durch den jüdischen Volksschullehrer, begeisterten Sammler und Erforscher von regionaler Geschichte und Kultur Heinrich Mose. Im Rahmen einer Gewerbeausstellung im Stadtpark präsentiert er 1910 erstmalig der Öffentlichkeit seine Sammlung von 200 Objekten aus den Bereichen Geschichte, Zunftwesen und Volkskunde. Aufgrund des großen Erfolgs beim Publikum gelingt es Mose mit der Unterstützung des Neunkirchner Bürgermeisters Dr. Emil Stockhammer bereits ein Jahr danach, am 25. September 1911, im Gemeinderat die Gründung eines „Localmuseums“ beschließen zu lassen. Es wird nach mühevoller Aufbauarbeit 1913 in zwei Räumen im Posttrakt des Rathauses eröffnet und Mose wird 1914 zum ersten Kustos des Museums ernannt.
Nachdem Mose nach Wien verzogen war, muss das Museum aufgrund der Ereignisse des 1. Weltkriegs 1917 einer Lebensmittelvergabestelle weichen. Teile der Sammlung werden auf einem privaten Dachboden untergebracht, was zum Verlust einiger Objekte führt. Mit dem Tod von Mose 1920 gerät dieses erste Museum zeitweilig in Vergessenheit.
Erst nachdem der akademische Maler Fritz Weninger sich 1926 der Neuaufstellung des Museums, der Neuordnung des Bestands und der Anlegung eines ersten Inventarbuchs angenommen hat, kann das Museum am 29. April 1931 im Rahmen einer großen Feierstunde in seinen ursprünglichen Räumen im Rathaus wiedereröffnet werden – nun unter dem Namen „Städtisches Museum Neunkirchen“. Am 2. Mai 1927 wird Weninger zum Kustos bestellt. 1931 werden mit Karl Patacek und Rudolf Stalla zwei weitere Kustoden bestellt, die in unermüdlicher Sammlungs- und Dokumentationstätigkeit die Bestände des Hauses stark erweitern.
Aufgrund der stark angewachsenen Sammlung und des akuten Platzmangels im Rathaus übersiedelt das Museum 1940 in das von der Stadtgemeinde angekaufte ehemalige Wohnhaus des mittlerweile verstorbenen Bürgermeisters Stockhammer. Dadurch überstehen die Sammlungen den 2. Weltkrieg relativ unbeschadet, während das Rathaus 1945 abbrennt. Bis 1958 werden Teile des Hauses noch als Wohnung von Stockhammers Tochter Leopoldine genutzt, die als Hausverwalterin fungiert. Nach dem Tod bzw. Wegzug der Kustoden Patacek und Stalla wird Weninger 1953 der Künstler Karl Steiner als Mitkustos zur Seite gestellt. Nach persönlichen Differenzen verlässt Weninger das Museum. Steiner, der mit wechselnden Mit-Kustoden arbeitet, wird 1957 vom Volksschuldirektor Karl Schmidl beerbt, der von da an das Museum als einziger Kustos führt. 1958 wird für Schmidl und seine Familie ein eigenes Wohngebäude im Garten errichtet. So können nun sämtliche Räume des Hauses für die Dauerausstellung genutzt werden, und das Museum wird mit der Hilfe von Experten des NÖ Landesmuseums nach damals modernsten musealen Gesichtspunkten, neugestaltet.
Nach längerem Umbau wird das Haus 1961 unter dem neuen Namen „Heimatmuseum Neunkirchen“ wiedereröffnet. In den folgenden Jahrzehnten entwickelt Schmidl eine rege Tätigkeit für das Museum, sowohl im Bereich der Sammlung als auch der Forschung, wie zahlreiche Artikel und Publikationen aus jener Zeit belegen. Durch den regen Kontakt mit den großen Bundes- und Landesmuseen sowie der Universität Wien, entwickelt sich das Neunkirchner Museum zu einem Zentrum der Forschung und Vermittlung im Bezirk. Nach Schmidls plötzlichem Tod 1976 versinkt das Museum unter seinem Nachfolger für längere Zeit in einen „Dornröschenschlaf“.
Auf Wunsch der Gemeinde werden 1986 zwei Sonderausstellungsräume im Museum geschaffen. Mit der Übernahme der Kustodenschaft durch den damaligen Studenten Peter Pesseg begann 2005 die Erneuerung und Modernisierung des Museums, der Sammlungen und der Dauerausstellung. Im Zuge dieser Revitalisierung erhielt das Haus am 1. April 2011 seinen alten Namen „Städtisches Museum Neunkirchen“ zurück. Das seit 2010 wieder von einem Kustoden-Team, bestehend aus einem Archäologen und zwei Historikern, geleitete Museum verfügt nun über eine ganzjährige Klimatisierung, eine modernisierte Dauerausstellung, jährlich wechselnde Sonderausstellungen und einen attraktiven Gartenbereich, der seit 2013 Schauplatz zahlreicher Projekte sowie des jährlichen Römerfests ist. Im Jahr 2020 wurden die Renovierungen am Haupthaus (Stockhammer-Haus) abgeschlossen. Dank eines großen Teams von ehrenamtlichen Mitarbeitern können weitere Instandhaltungsarbeiten sowie Projekte und Veranstaltungen im Städtischen Museum gemacht werden, die Besucher anlocken.
Der Museumsbetrieb ist heute so aktiv wie zu seinen besten Zeiten und regt nicht nur Besucher sondern auch Forscher und Studenten dazu an, im Städtischen Museum ein und aus zu spazieren, an Projekten teilzuhaben und Wissen über die Vergangenheit Neunkirchens lebendig zu machen.
Die Sammlungen des Museums
Die Sammlungen des Museums umfassen die Bereiche Archäologie, Stadt - und Bezirksgeschichte, Naturkunde (Geologie, Paläontologie, Zoologie), Volkskunde und Numismatik. In den 15 Ausstellungsräumen wird nur ein geringer Teil der über 16.000 Objekte gezeigt. Neuzugänge oder Objekte, die aus Platzmangel nicht ausgestellt werden können oder die gereinigt oder restauriert werden müssen, befinden sich in den umfangreichen Depots.
Archäologie
Der Bereich Archäologie umfasst Objekte aus über 5000 Jahren Geschichte. Dazu zählen Funde von vielen archäologischen Grabungen in Stadt und Bezirk, wie der älteste menschliche Fund Neunkirchens (5300 Jahre alte Hockerbestattung der Kupfersteinzeit), bronzezeitliche Waffen und Werkzeuge, keltischer Schmuck und Schwerter, der römische Vicus Neunkirchens sowie der römische Goldbergbau im Karth, einer bewaldeten Hochfläche südöstlich von Neunkirchen zwischen Wartmannstetten und Gleißenfeld, und auch Funde aus Früh- und Hochmittelalter. Die experimentalarchäologischen Rekonstruktionen im Museumsgarten werden seit den 1960er Jahren immer wieder ergänzt und dienen beim alljährlichen Römerfest sowie bei zahlreichen Forschungsprojekten als Ausgangspunkt.
Lokale und regionale Geschichte
Die Sammlung Stadt- und Bezirksgeschichte dokumentiert die Entwicklung des Marktes Neunkirchen von seinen Ursprüngen im Hochmittelalter über die Stadterhebung 1920 bis heute. Die Objekte dieser vielfältigen Sammlung belegen neben der allgemeinen Geschichte des Bezirks vom Hochmittelalter bis heute auch im Speziellen die Wirtschaftsgeschichte (von den Zünften zur Industrie), Ideen- und Institutionengeschichte und Persönlichkeiten, wie den ehemaligen Hausherrn des Museums, Bürgermeister Dr. Emil Stockhammer.
Jährliche Sonderausstellungen geben die Möglichkeit weitere Sammlungsbereiche zu präsentieren und die wissenschaftliche Forschung in unterschiedlichen Themengebieten voranzutreiben.
Naturkundliche Sammlung
Bereits seit den 1920ern wurde für das Museum eine geologische Sammlung aus dem gesamten Bezirksgebiet angelegt. Durch die Schenkung der Sammlung Matzke 1982 ist das Museum heute im Besitz einer der umfassendsten geologisch-paläontologischen Sammlungen zum gesamten Bezirksgebiet. Raritäten wie der Forellenstein (Orthoriebeckit), den es nur in der Umgebung von Gloggnitz gibt, versteinerte Hölzer, Funde von Höhlenbären und Tierfährten sowie der Zahn eines Mastodon gehören hierzu. Sogar die Abgüsse der ältesten österreichischen Dinosaurierfunde von Muthmannsdorf an der Hohen Wand befinden sich unter den Exponaten. Zudem ist das Museum im Besitz einer relevanten Sammlung von Präparaten (Stopf-, Alkohol- und Knochenpräparate) heimischer Tiere – vom Urzeitkrebs bis zum Goldschakal, die in ihren charakteristischen Lebensräumen ausgestellt werden.
Volkskundliche Sammlung
Eine große ethnologische Sammlung datiert bereits in die Anfänge des Museums und gehört zu den ältesten Sammlungsbereichen. In Zusammenarbeit mit dem Volkskundemuseum Wien sammelte Museumsgründer Heinrich Mose eine beachtliche Variation an Objekten aus Stadt und Bezirk, die von den nachkommenden Generationen stetig erweitert wurde und wird. Dokumentiert werden Alltag und Brauchtum der Bevölkerung seit der Frühen Neuzeit sowie das religiöse Leben und das Miteinander der verschiedenen Religionen in Neunkirchen. Manche einzigartigen Objekte wie die „Heilige Kümmernis“ aus Schwarzau/Steinfeld oder die Edlitzer „Totentanz“-Tafeln gehören dabei zu den Schätzen des Museums.
Numismatische Sammlung
Neunkirchen ist eine der ersten mittelalterlichen Münzstätten in Österreich, der Neunkirchner Pfennig ist unter Numismatikern eine bekannte Größe. Die numismatische Sammlung umfasst neben keltischen Einzelmünzen, römischen Fundmünzen und Hortfunden weiter über das Mittelalter hinaus auch eine große Menge an lokalem Notgeld der letzten beiden Jahrhunderte. Ein weiterer bedeutender Sammlungsteil findet sich mit der Phaleristik (Ordenskunde) mit ihren teils einzigartigen Belegstücken aus Nah und Fern.
Depots und Sammlungspolitik
Alle Sammlungen dokumentieren Stadt und Bezirk Neunkirchen mit repräsentativen Stücken. Diese umfangreiche Aufgabe erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, den Behörden der Stadtgemeinde und vor allem mit allen Bürgerinnen und Bürgern, die dem Museum durch Informationen, Leihgaben und Schenkungen beim Ausbau und der Verbesserung des Museums und seiner Sammlungen helfen. Durch die Neugestaltung der Depoträume in den letzten Jahren wurde nun auch eine angemessene konservatorische Aufbewahrung der Objekte möglich. Letztlich wurde mit der erneuten Verbindung von Museum und Stadtarchiv ein weiterer Schritt zur Erweiterung und Erhaltung der Museumsbestände ermöglicht.
Forschung und Vermittlung
Aktuell liegt ein Hauptaugenmerk des Museums erneut bei wissenschaftlichem Arbeiten und der Vermittlung dieser Ergebnisse. Als Kompetenzzentrum für die Natur- und Menschheitsgeschichte des südöstlichen Niederösterreichs zieht das Museum zahlreiche nationale und internationale Forscher an und gibt jungen Wissenschaftlern die Gelegenheit zur Aus- und Weiterbildung. Mit seinen Vermittlungsprogrammen wie dem Römerfest, Workshops für Schulen, Sonderausstellungen und den Schriften des Städtischen Museums wird eine breite Zielgruppe angesprochen, um Geschichte anschaulich und lebendig erleben zu können.
Autorin: Mag. Vanessa Staudenhirz
Städtisches Museum Neunkirchen
Stockhammergasse 13
2620 Neunkirchen
Öffnungszeiten:
Samstag, 14.00–18.00 Uhr
Sonntag, 10.00–17.00 Uhr (ausgenommen Feiertage)
Gruppen jederzeit gegen Voranmeldung
Kontakt: Mag. Vanessa Staudenhirz
0664/601 98 421
02635/601 420
museum@neunkirchen.gv.at
Weitere Infos unter:
https://www.facebook.com/MuseumNeunkirchen