Museum zu Gast: Haus der Geschichte Zwentendorf Römermuseum Asturis
In Zeiten, in denen Einsparungen an der Tagesordnung sind, geschah in Zwentendorf ein kleines Wunder: Im Zuge der Erweiterung des Gemeindezentrums wurden auch gleich Räumlichkeiten für ein neues Museum eingeplant.Am 26. 10. 2025 konnte das „Haus der Geschichte“ eröffnet werden.
Ein Gang durch das Museum ist ein Gang durch die Geschichte der Marktgemeinde Zwentendorf an der Donau. Der Bogen spannt sich von den Mammutherden der Eiszeit, den ersten Siedlungen des Neolithikums über die Römerzeit bis in die jüngste Vergangenheit.
Ein Museum im Museum bildet der erste Hauptraum, der die Ausgrabungen des Römerkastells Asturis und dessen Geschichte anhand von Modellen, Fotos und Funden zeigt. Das Bodendenkmal, das von 1953 bis 1962 teilweise freigelegt, untersucht und danach wieder zugeschüttet wurde, ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes und steht unter Denkmalschutz.
Schon lange Zeit hatte man im Gemeindegebiet von Zwentendorf die Existenz römischer Befestigungsanlagen vermutet. Einen Hinweis lieferte die Tabula Peutingeriana – eine Straßenkarte der Römerzeit –, die zwischen Tulln und Traismauer eine Straßenstation namens Piro Torto verzeichnet. Noch 1876 stand unweit des Ortes im „Weingartl“ der Krottenturm, eine mittelalterliche Befestigungsanlage, die über den Resten eines römischen Fächerturms erbaut worden war. 1895 lieferte der Zwentendorfer Lehrer A. Zündel die Beschreibung eines runden Erdwalls, westlich von Zwentendorf an der Straße nach Bärndorf gelegen. Man forschte aber nicht weiter nach. Auf Initiative des Amateurarchäologen Ing. Kurt Hetzer kam es hier ab 1953 endlich zu Grabungen. Man stieß auf die Überreste eines römischen Kastells für Hilfstruppen, dessen Name nach neuesten Forschungen als Asturis anzunehmen ist. Anhand der Bodenbefunde ließen sich drei Perioden feststellen:
Von ca. 40 bis 80 nach Christi bestand hier ein Erd- oder Holzkastell in der Größe von ca. 150x100 Meter, umgeben von einem breiten Graben und einem Palisadenwall. Zu den aus dieser frühen Periode stammenden Funden gehört etwa das im Museum ausgestellte Fass mit Getreidekörnern. Um 80 nach Christi entstand dann das erste Steinkastell im Ausmaß von 190x120 Meter, umgeben von einer bis zu 1,50 Meter starken Mauer. Türme befestigten die Ecken. Die Befestigungsgräben waren mit Donauwasser gefüllt. Die in Fachwerkbauweise ausgeführten Bauten waren teilweise schon mit Bodenheizungen ausgestattet. Das Kastell wurde um 370 durch Feuer zerstört. Zwischen 370 und dem 5. Jahrhundert erfuhr das Kastell dann seine großzügigste Ausstattung. So wie in Zeiselmauer wurden auch hier an den Ecken mächtige Fächertürme errichtet. Der südliche Eingang wurde mit einem Torvorbau von 12 Meter Länge befestigt. Die neu errichteten Gebäude waren mit Wandmalereien und Terrazzoböden ausgestattet, wie Funde belegen. Bei den Grabungen stieß man im Ostteil des Kastells auch auf ein frühchristliches Gräberfeld, das durch Münzen ins 10. Jahrhundert datiert werden kann. Es handelt sich dabei um Überreste einer slawischen Besiedlung.
Der folgende Museumsraum macht einen Schritt zurück und führt uns in ein Tullnerfeld, in dem noch Mammutherden weideten. In einer Schottergrube bei Bärndorf fanden sich Knochenreste. Auf einen noch weit bedeutenderer Fundplatz stieß man im benachbarten Perschlingtal bei Langmannersdorf. Man ergrub hier 1919 einen eiszeitlichen Lagerplatz, in dessen Zentrum ein großer Abkochplatz lag. In den Ascheschichten fanden sich unverbrannte Knochen von Mammut, Wolf, Fuchs usw. Zum Schmunzeln verleitet die Geschichte rund um die Entdeckung dieses Lagerplatzes: Um die Wende zum 20. Jahrhundert besserten die Bauern ihre Einnahme durch den Verkauf von Tierknochen an die Seifenfabrik in St. Pölten auf. Unter die bei den Hausschlachtungen anfallenden Knochen mischten sie die großen Knochen, die beim Pflügen immer wieder zum Vorschein kamen: Mammutknochen und Stoßzähne. Das ging so lange gut, bis ihnen Josef Bayer auf die Schliche kam. Josef Bayer war Direktor der Anthropologischen-Ethnographischen-Prähistorischen Sammlung des Naturhistorischen Museums und Vorstand der Kommission und des von ihm gegründeten Institut für Eiszeitforschung. Einem breiten Publikum bekannt wurde er als Entdecker der „Venus von Willendorf“. Unter seiner Ägide wurde der neolithische Lagerplatz in Langmannersdorf ergraben, bestehend aus einer Kochgrube und einer Wohngrube, in der ein Steinschläger tätig war, wie die große Menge von Feuersteinabsplissen belegt.
Durch Jahrhunderte war Zwentendorf eine von der Landwirtschaft geprägte Gemeinde. Nur mehr wenige Gebäude zeigen heute noch die für das Tullnerfeld typischen Gehöftformen wie Streck- und Hakenhof; ein solcher Hof ist im Museum als Modell zu sehen. Ausgestellte Werkzeuge, Handwerkszeichen, Produkte etc. erinnern im Museum an die im Ortskern von Zwentendorf vertretenen Gewerbebetriebe. Der 1822 für Zwentendorf angelegte Franciszäischen Steuerkataster verzeichnete etwa 31 Gewerbetreibende, darunter waren Schneider, Krämer, Schuster, Binder, Bäcker, Fleischhauer, Hafner, Maurer, Tischler, Weber, Schmied, Taferne (=Gasthaus), Chirurgius und acht Fischer vertreten. Zwentendorf verfügte in der Vergangenheit auch über Schiffsmühlen an der Donau und über eine Schiffsstation. Als die Schiffszüge donauaufwärts noch mit Pferde- (oder Menschen)kraft bewegt wurden, verlief der Treidelpfad hier bei Zwentendorf entlang des rechten Donauufers.
Mit dem Bau der Pulverfabrik Škodawerke-Wetzler AG begann in Zwentendorf das Industriezeitalter. Pläne, Fotos und Objekte geben im Museum einen Einblick in die Geschichte des Werkes: Während des Ersten Weltkrieges gründete Karl Freiherr von Škoda, der Generaldirektor der Škoda-Werke in Pilsen, gemeinsam mit Bernhard Wetzler 1916 die Pulverfabrik, in der Nitrozellulose und Nitroglyzerin als Grundlage für die Munitionsindustrie hergestellt werden sollte. Bernhard Wetzler war u.a. auch Besitzer der k.u.k. Militär-Konservenfabrik in Inzersdorf bei Wien und Generalrat der Anglo-Österreichischen Bank. Nachdem das k.u.k. Kriegsministerium die notwendige Konzession erteilt hatte, erwarb man die notwendigen Grundstücke im benachbarten Moosbierbaum. In der binnen sechs Monaten aus dem Boden gestampften Fabrik sollten monatlich 800 Tonnen Schießpulver erzeugt werden. Für den Erdaushub wurden ca. 400 rumänische Kriegsgefangene eingesetzt. Am Bau der Fabrik waren an die 5000 Mann – Landsturmarbeiter sowie russische und italienische Kriegsgefangene – beteiligt. Nördlich und südlich der Zufahrtsstraße wurden Barackenlager für die Arbeiter errichtet, Feldbahngeleise für den Abtransport des Sprengstoffes verlegt. Die Produktion sollte am 1. Juli 1917 starten, allerdings kam es erst am 17. Dezember 1917 zur ersten Lieferung. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde das Werk zunächst von der Volkswehr bewacht. 1919 wurden noch vorhandene Sprengmittel unter Aufsicht italienischer Offiziere gesprengt. In den ersten Nachkriegsjahren erfolgte eine Umstellung der Produktion auf die Erzeugung chemischer Grundprodukte, in erster Linie Dünger und Säuren (Schwefel-, Phosphor-, Salpeter- und Salzsäure).
Bereits vor dem „Anschluss“ 1938 wurden Verhandlungen geführt, die eine Vereinigung der Škodawerke-Wetzler AG mit der deutschen I. G. Farbenindustrie AG zum Ziel hatten. Die I.G. Farben war ein Chemiekonzern, der Ende 1925 aus dem Zusammenschluss von mehreren großen deutschen Chemiekonzernen entstanden war, darunter Agfa, BASF, Bayer und Hoechst. Während des Nationalsozialismus wurde der Konzern – auch durch Enteignungen – zum größten Pharma- und Chemiekonzern der Welt. Bereits im Jänner 1938 erwarb die I.G. Farben 49% der Aktien der Škodawerke-Wetzler AG; ab Oktober desselben Jahres besaß sie dann die Aktienmehrheit, bis sie dann am 25. Februar 1939 zur alleinigen Besitzerin wurde. Geplant war die Errichtung einer großen chemischen Produktionsstätte im Donauraum, die Donau Chemie AG.
Eine Anlage zur Produktion von SO³ wurde errichtet, dann 1941/42 Betriebsanlagen für die Erzeugung von hochoktanigen Fliegerbenzin. Der Rohstoff – Normalbenzin – wurde auf dem Donauweg aus Rumänien gebracht. Vom neu errichteten Donauhafen führte eine Pipeline in das Tanklager des Werkes. Der Abtransport erfolgte auf dem Bahnweg. Im Frühjahr 1944 ging die Donau Raffinerieanlage in Betrieb. Im Werk „Süd“ wurden ab 1944 Fliegerbenzin, Propangas und Schmieröle produziert, im Werk „Nord“ Schwefelsäure, Oleum (= rauchende Schwefelsäure) für die Herstellung von Sprengmitteln und Nebelsäure (= aus Chlorsulfonsäure und Schwefeltrioxidals bestehend, Kampfstoff mit Nebelwirkung). Im Werk Moosbierbaum wurden neben ausländischen Zwangsarbeitern auch Strafgefangene aus Stein eingesetzt. In den letzten Kriegstagen bildete sich in Moosbierbaum eine Widerstandsgruppe, die durch die Gestapo aufgedeckt wurde. 196 Männer und Frauen wurden am 16. Jänner 1945 verhaftet und nach St. Pölten gebracht. Ohne Prozess wurden sie nach Mauthausen deportiert, viele von ihnen endeten in den Gaskammern. Am 4. Mai 1946 wurde ein Mahnmal im Fabrikgelände enthüllt. Die Namenstafel dieses Mahnmales sind im Museum zu sehen. Mit dem Einsetzen des Luftkrieges 1944 wurde auch das Werk in Moosbierbaum zu einem Ziel der alliierten Streitkräfte. Zum Schutz des Werkes wurde nördlich und südlich der Donau eine dichte Kette von Flak-Batterie errichtet. Ab Juni 1944 wurden 16 Angriffswellen geflogen (23.170 Bomben mit einer Tonnage von 5.129,1 Tonnen).
In ein weitaus angenehmeres Thema führen die anschließenden Räume: Sie lassen uns in die Technikgeschichte der letzten 100 Jahre eintauchen. Bei vielen der gezeigten Objekte bedarf es heute schon einer Erklärung, die bei Führungen bereitwillig und ausführlich durch den Kustos des Museums, Gerhard Bauer, gegeben wird. Die ausgestellten Objekte zur Entwicklung des Radioempfängers führen uns vom Detektorradio, das aus nur wenigen Bauteilen besteht und ohne Strom auskommt, bis zum Kofferradio, etwa dem Modell Minerva-Radio Mirella, das zur Jugend der 1960er Jahre gehörte wie der Petticoat oder die Vespa. Daneben steht die Eumigette mit dem leuchtenden grünen „Auge“, mit dem man die Sender genau einstellen konnte. Typisch für die Eumigette waren auch die drei weißen Tasten, mit denen man einschalten und zwischen Mittelwelle und UKW wechseln konnte. Die Aufdrucke auf der Rückseite enthüllen, dass es eine Zeit gab, in der es noch nicht überall die Standard-Netzspannung von 220 (bzw. 230 Volt) gab. Mit einem Handgriff konnte man hier auf 110/120 Volt Spannung umstellen.
Spannend auch die durch zahlreiche Objekte demonstrierte Entwicklung der Fotografie. Junge Besucher:innen, deren fotografische Betätigung sich heute auf die Nutzung des Handys beschränkt, werden vielleicht staunen, wenn sie Plattenkameras entdecken, bei denen man für jede Aufnahme eine neue Platte einlegen musste oder die ersten Rollfilmkameras – Rollfilme, die Negative im Format 6x6 cm produzierten, später dann im Format 24x36 mm. Das Leben der Fotografen und Fotografinnen erleichtern sollten dann die Kassettenfilm-Kameras: Denn wollte man einen neuen Rollfilm einlegen, so war es besser, man suchte zur Vorsicht einen dunklen Platz, damit kein Licht in den Film eindringen konnte; das war mit den neuen Kodak-Instamatic Kameras nicht mehr nötig. In die ab 1963 produzierten Kameras legte man jetzt nur mehr einen Kassettenfilm ein – das ging schnell und gefahrlos. Die Polaroid Supercolor 635, von 1986 bis 1992 produziert, „spuckte“ dann bereits fertige Bilder aus.
In eine scheinbar weit zurückliegende Vergangenheit führen auch die Objekte zur Telefonie: Kurbeltelefone, Wählscheibentelefone, Tastentelefone und die ersten noch klobigen Handys. Eine Besonderheit stellen Telefonapparate dar, die neben der Wählscheibe noch ein kleines Knöpfchen haben: Es handelt sich dabei um Vierteltelefone; durch Drücken des Knöpfchens kam man erst an eine frei werdende Leitung. Vor der Fertigstellung des Netzausbaues, die erst in den 1990er Jahren abgeschlossen war, mussten bzw. konnten sich bis zu vier Teilnehmer:innen einen Anschluss teilen. In den 1970er Jahren waren in Österreich rund 40% aller Anschlüsse noch solche Vierteltelefone. Bei einem Viertel- oder halben Anschluss konnte jeweils immer nur ein Teilnehmer, eine Teilnehmerin, telefonieren. Man rief zwar zum „Fair-Use“ auf – das bedeutete maximal 30 Minuten pro Monat, Dauertelefonieren führte dennoch oft zu Konflikten. Ein weiteres Gefahrenpotential stellte die Möglichkeit des „Abhörens“ der Gespräche der anderen Teilnehmer:innen dar. Die Vierteltelefonie hatte neben aller Nachteile allerdings auch noch Vorteile: Der Anschluss war kostengünstig, und die Wartezeit auf einen Anschluss war kürzer. Die Umstellung auf Einzelanschlüsse setzte in Österreich ab den frühen 1980er Jahren ein.
Ein Sonderausstellungsraum ergänzt die Dauerausstellung. Hier werden abwechselnd einzelne Themen umfangreicher behandelt, wie Gewerbe, Feuerwehrwesen oder andere Spezialgebiete. Unter dem Motto „Kunst im Museum“ werden hier auch Werke von einheimischen Künstler:innen gezeigt.
Wer sich nach einem Rundgang durch das Museum noch weiter informieren will, dem sei die Homepage des Museums ans Herz gelegt. Hier kann man sich zuhause in Ruhe noch einmal alle Exponate vor Auge führen und in den Beständen des Hauses stöbern.
Autor:in: Prof.in Dr.in Elisabeth Vavra – Gerhard Bauer
Kontakt:
Haus der Geschichte Zwentendorf an der Donau
Römermuseum Asturis
Kirchenplatz 1/1
3435 Zwentendorf an der Donau
E-Mail: museum@zwentendorf-donau.gv.at
Homepage: http://www.museum-zwentendorf.at/index.html
Öffnungszeiten:
Mittwoch 14:00–18:00
Sonntag 08:00–12:00
Oder mit telefonischer Voranmeldung unter
+ 43 676 936 54 54
Ganzjährig geöffnet
Literatur zur Geschichte von Zwentendorf:
Anton Handelsberger, Chronik der Marktgemeinde Zwentendorf, Zwentendorf 1994.