Museum zu Gast: Das Stift Seitenstetten und seine Sammlungen
Seit mehr als 900 Jahren wird im Benediktinerstift Seitenstetten gesammelt, bewahrt, erforscht und gezeigt. Bibliothek, Archiv sowie Kunst- und Naturaliensammlungen bilden gemeinsam einen über Jahrhunderte gewachsenen Sammlungskomplex.Das Benediktinerstift Seitenstetten wurde 1112 gegründet und seither nie aufgehoben, enteignet oder vertrieben. Der letzte Großbrand, bei dem Kulturgüter in größerem Umfang vernichtet wurden, ereignete sich im Jahr 1348. Seither wird im Stift Seitenstetten gesammelt, bewahrt, erforscht und unterrichtet. Ein kleiner Einblick in diese Vielfalt ist seit Anfang März bis Ende Mai 2026 im Rahmen der Reihe „Museum zu Gast“ im Museum Niederösterreich in St. Pölten zu sehen.
Warum sammeln Benediktiner?
Die Bauleidenschaft der Benediktiner ist beinahe sprichwörtlich – das Ordenskürzel OSB wird auch gerne scherzhaft als „Oh, sie bauen!“ aufgelöst. Nicht weniger prägend ist jedoch die Sammelleidenschaft, die viele Klöster über Jahrhunderte hinweg entwickelt haben.
Solche Sammlungen entstehen aus unterschiedlichen Motiven: aus der Unterrichtstätigkeit, aus wissenschaftlicher Beschäftigung mit bestimmten Themen, aus dem Wunsch nach theologischer und allgemeiner Bildung oder auch aus dem Anliegen heraus, das kulturelle Leben einer Region mitzugestalten. Möglich wird dieses Sammeln vor allem durch die Stabilität des klösterlichen Lebens: Generationen von Mönchen bleiben ihrem Ort und ihrer Gemeinschaft verbunden – und so wachsen über Jahrhunderte auch die Sammlungen.
Wozu sammelt Seitenstetten?
Auch bei den Seitenstettner Sammlungen stehen verschiedene Motive im Hintergrund. Ein zentraler Beweggrund ist der Bildungsauftrag des Klosters. Bereits im 12. Jahrhundert ist im Stift Seitenstetten ein Schulbetrieb nachweisbar. Seither waren Seitenstettner Benediktiner durchgehend in unterschiedlichen Formen der Bildungsarbeit tätig.
Im Stift selbst entwickelte sich ein Schulbetrieb, der mit der Erlangung des Öffentlichkeitsrechts für das Gymnasium im Jahr 1814 seinen bis heute gültigen institutionellen Rahmen erhielt. Im 18. Jahrhundert bestand zudem eine Hauslehranstalt für theologische Bildung. Darüber hinaus wirkten Seitenstettner Mönche auch an anderen Orten als Lehrende, etwa als Universitätsprofessoren in Salzburg.
In einem solchen schulischen Umfeld entstehen Sammlungen ganz selbstverständlich: Bücher werden angeschafft, um Literatur für Unterricht und Forschung bereitzustellen. Naturalien dienen als Anschauungsmaterial für naturkundlichen Unterricht. Kunstwerke wiederum ermöglichen es, im Kunstunterricht an Originalen zu arbeiten und gute Vorbilder vor Augen zu haben.
Neben diesem Bildungsauftrag stehen weitere Motive. Manche Sammlungen gehen auf die intensive wissenschaftliche Beschäftigung einzelner Mönche zurück, andere auf eigene künstlerische Tätigkeit oder auf Verwaltungsaufgaben innerhalb des Stiftes. Wieder andere sind schlicht durch Zufall entstanden – etwa durch Schenkungen oder durch Kunstwerke, die ursprünglich zur Ausstattung des Hauses erworben wurden.
Was sammelt Seitenstetten?
Es wäre fast einfacher zu sagen, was im Lauf der Jahrhunderte nicht gesammelt wurde. Ein guter Ausgangspunkt sind jene Sammlungen, die heute zumindest teilweise museal zugänglich sind.
Kunstsammlungen
Ein Teil der Seitenstettner Kunstsammlungen ist in der Stiftsgalerie zu besichtigen. Hier steht vor allem die Gemäldesammlung im Mittelpunkt, die einen Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart spannt.
Mittelalterliche Kunst wurde im Stift kaum planmäßig gesammelt. Zu sehen sind hier vor allem erhaltene Ausstattungsstücke der Stiftskirche und anderer Kirchen im Einflussbereich des Stiftes.
Planmäßiger erfolgte hingegen der Erwerb barocker Malerei. Besonders bedeutend ist eine größere Sammlung oberitalienischer Barockgemälde aus dem Besitz der Familie Mels-Colloredo, die über mehrere Umwege in den 1760er-Jahren für das Stift erworben wurde – rund 600 Ölgemälde für 1080 Gulden. Hinzu kommen zahlreiche niederländische Genremalereien.
Die umfangreiche graphische Sammlung des Stiftes umfasst unter anderem Zeichnungen von Albrecht Altdorfer sowie Druckgrafik von Albrecht Dürer. Aus konservatorischen Gründen kann sie allerdings nur in kleinen Auszügen präsentiert werden.
Kunst des 19. Jahrhunderts wurde häufig mit Blick auf den Unterricht gesammelt. Entsprechend finden sich hier viele grafische Arbeiten und kleinformatige Bilder, während die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts meist großformatige Ölmalerei umfasst.
Schließlich zeigt die Galerie auch zahlreiche zeitgenössische Kunstwerke. Ihr Erwerb ist besonders dem heutigen Kustos P. Martin Mayrhofer zu verdanken. Viele dieser Arbeiten stammen aus dem Künstlerkreis um Heimo Kuchling, dem auch P. Martin Mayrhofer in seiner eigenen künstlerischen Arbeit verbunden ist.
Naturhistorische Sammlungen
Der Beginn der naturhistorischen Sammeltätigkeit im Stift Seitenstetten ist eng mit einer Persönlichkeit verbunden, die für das heutige Erscheinungsbild des Stiftes von großer Bedeutung war: P. Joseph Schaukegl.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war er als Wirtschafter nicht nur für die wirtschaftliche Organisation des Stiftes verantwortlich, sondern auch maßgeblich an der Ausstattung der Innenräume beteiligt. Dabei trat er nicht nur als Ideengeber auf, sondern entwarf teilweise selbst Möbel und Einrichtungen.
So plante und richtete er in den 1760er-Jahren das Naturalienkabinett und die Kunstkammer ein. Die Räume wurden von Johann Wenzel Bergl mit Deckenfresken ausgestattet und anschließend mit Naturalien bestückt, die Schaukegl selbst gesammelt oder erworben hatte.
Im 19. Jahrhundert wurden diese Sammlungen – auch aus didaktischen Gründen – deutlich erweitert. Heute sind dort unter anderem Mineralien, Konchylien, Fossilien, Stopfpräparate, Flüssigpräparate und Modelle mikroskopischer Lebewesen zu sehen.
Weitere Sammlungsbereiche werden ebenfalls in diesem Umfeld aufbewahrt, sind jedoch nur im Rahmen wissenschaftlicher Forschung zugänglich: etwa die umfangreiche entomologische Sammlung, ein großer Herbarbestand sowie mehrere kleinere naturkundliche Sammlungen.
Stiftsbibliothek
Den eindrucksvollsten räumlichen Ausdruck der klösterlichen Sammeltätigkeit bildet der Hauptsaal der Stiftsbibliothek. Er wurde in den 1740er-Jahren eingerichtet und mit einem Deckenfresko von Paul Troger ausgestattet. In den 1760er-Jahren erfolgte eine teilweise Umgestaltung, bei der die Bücher ihre charakteristischen weißen Ledereinbände mit schwarzen Rückenschildern erhielten.
Der Bibliothekssaal sollte die Universalität des hier versammelten Wissens sichtbar machen. Heute umfasst allein dieser Raum rund 17.000 Bände.
Die Stiftsbibliothek besitzt etwa 300 mittelalterliche Handschriften, eine ähnlich große Zahl an Inkunabeln sowie mehrere hundert Handschriftenfragmente, darunter auch bedeutende Teile der mittelalterlichen deutschen Epenüberlieferung. Insgesamt umfasst der Bestand rund 150.000 Bände.
Der thematische Schwerpunkt liegt naturgemäß auf der Theologie und ihren Nachbarfächern. Daneben existieren bedeutende Bestände zur Sprach- und Literaturwissenschaft, zur klassischen Philologie sowie zu naturwissenschaftlichen Disziplinen – insbesondere zur Botanik und Zoologie.
Stiftsarchiv
Das Stiftsarchiv, das nicht für den regulären Publikumsbetrieb zugänglich ist, bewahrt die schriftlichen Zeugnisse aus über 900 Jahren Geschichte des Klosters. Dazu gehören rund 2000 Urkunden, umfangreiche Aktenbestände, eine Plansammlung sowie zahlreiche weitere Sammlungsbereiche.
Diese Quellen bilden eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der übrigen Sammlungen. Einzelne Objekte werden gelegentlich im Rahmen von Sonderausstellungen gezeigt oder als Leihgaben zur Verfügung gestellt.
Für wissenschaftliche Anfragen steht das Stiftsarchiv mit seinen Beständen grundsätzlich offen.
Weitere Sammlungen
Neben den genannten Bereichen existiert eine Vielzahl weiterer Sammlungen, die aus konservatorischen oder praktischen Gründen nur eingeschränkt zugänglich sind.
Dazu gehören etwa die Sammlung liturgischer Geräte und Paramente, die weiterhin in Verwendung stehen und in der Paramentenkammer aufbewahrt werden, die Porzellansammlung, eine umfangreiche Andachtsbildchensammlung, die Siegelsammlung, das Musikarchiv mit Notenbeständen und historischen Instrumenten, die Autographensammlung, das Münzkabinett sowie ein archäologisches Kabinett.
Nicht zuletzt gehört auch die Schatzkammer am Sonntagberg dazu, in der Objekte und Paramente gezeigt werden, die mit der bedeutenden Wallfahrt im Umfeld des Stiftes verbunden sind.
Wie sind die Seitenstettner Sammlungen zugänglich?
Nicht alle Sammlungen können in gleicher Weise öffentlich zugänglich gemacht werden.
Museumsbereich im engeren Sinne
Auf eigene Faust erkunden können Besucherinnen und Besucher die Stiftskirche, die Ritterkapelle, den mittelalterlichen Kernbereich des Stiftes, die Abteistiege, den Marmorsaal sowie die Stiftsgalerie mit den dort ausgestellten Kunstwerken. Ein Audioguide unterstützt dabei die Erschließung dieser Bereiche.
Geführter Bereich
Regulär nur im Rahmen von Führungen zugänglich sind der Hauptsaal der Stiftsbibliothek, der Bereich der zoologischen Sammlung – von dem aus man durch ein Fenster auch in das Naturalienkabinett blicken kann – sowie die Sakristei.
Diese Form der Besichtigung hat dazu beigetragen, dass der Südtrakt des Stiftes mit Bibliothek und naturhistorischen Sammlungen seinen Charakter aus dem 18. und 19. Jahrhundert weitgehend bewahren konnte. Eingriffe wie Elektrifizierung oder größere bauliche Absperrungen waren dadurch nicht notwendig. Im Winterhalbjahr ist eine Besichtigung dieser Räume daher auch nur bei ausreichendem Tageslicht sinnvoll möglich.
Sonderführungen, Veranstaltungen und Forschung
Viele Sammlungsbereiche können aus Platz- oder konservatorischen Gründen nicht regelmäßig gezeigt werden. Im Rahmen spezieller Führungen mit begrenzter Teilnehmerzahl werden jedoch immer wieder einzelne Bereiche geöffnet. So konnten in den vergangenen Jahren etwa das Herbarium, das Stiftsarchiv, die Handschriftensammlung, das Musikarchiv oder die Paramentenkammer interessierten Besucherinnen und Besuchern zugänglich gemacht werden.
Auch die „Historischen Gespräche“ des Stiftsarchivs – eine halbjährlich stattfindende Veranstaltungsreihe – widmen sich regelmäßig einzelnen Sammlungsbereichen und bringen sie durch Vorträge, Diskussionen und Gespräche in den Fokus der Öffentlichkeit.
Für wissenschaftliche Forschung sind nahezu alle Sammlungsbereiche zugänglich, sofern keine konservatorischen Gründe dagegen sprechen. Größere Forschungsprojekte – gegenwärtig etwa zu den naturhistorischen Sammlungen – tragen dazu bei, diese Bestände auch einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt zu machen. Solche Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit Universitäten und Institutionen des Denkmalschutzes.
Darüber hinaus werden einzelne Bestände zunehmend digital zugänglich gemacht. Besonders Stücke aus den Herbarbeständen und aus der Handschriftensammlung wurden bereits digitalisiert und online veröffentlicht.
Eine besondere Rolle spielt außerdem die ehrenamtliche Mitarbeit. Freiwillige mit Interesse und entsprechender Kompetenz engagieren sich beispielsweise bei der Bearbeitung der Fotosammlung im Stiftsarchiv oder im Bereich der Naturaliensammlungen.
Die in St. Pölten ausgestellten Objekte
Für die Vitrine der Reihe „Museum zu Gast“ im Museum Niederösterreich in St. Pölten wurden bewusst Objekte ausgewählt, die im Stift selbst weder in der Galerie noch im Rahmen regulärer Führungen zu sehen sind.
Gleichzeitig soll diese kleine Auswahl die Vielfalt der Seitenstettner Sammlungen sichtbar machen. Klösterliches und liturgisches Leben, Kunst, Musik, Naturalien, Bibliothek und Archiv stehen hier nebeneinander. Die präsentierten Stücke geben damit einen kleinen Einblick in den reichen Sammlungskosmos des Benediktinerstiftes Seitenstetten – und vielleicht auch einen Anlass, diesen einmal vor Ort näher kennenzulernen.
Autor: Mag. Markus Bürscher M.A. LIS
Stift Seitenstetten
Am Klosterberg 1
3353 Seitenstetten
Telefon: +43-7477-42300-0
E-Mail: kultur@stift-seitenstetten.at
Öffnungszeiten:
1. März bis 28. März 2026:
Montag – Freitag: 09:00–11:30 Uhr, Samstag & Sonntag: geschlossen
29. März (Palmsonntag) bis 31. Oktober 2026:
täglich: 09:00–12:00 Uhr und 13:00–17:00 Uhr
3. November bis 23. Dezember 2026:
Montag – Freitag: 09:00–11:30 Uhr, Samstag & Sonntag: geschlossen
Für den individuellen Rundgang steht ein Audio-Guide zur Verfügung.
Führungen:
29. März bis Ende Oktober:
Samstag, Sonntag & Feiertag um 10.00 & 14.30 Uhr