Meister Lampe in Bedrängnis

© Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Schwindende Bestände
Der Feldhase stammt ursprünglich aus den Steppen Osteuropas. Er konnte sein Areal jedoch enorm ausdehnen, als der Mensch begann, die europäischen Waldlandschaften in landwirtschaftliche Nutzflächen umzuwandeln. Als typischer Kulturfolger kommt der Feldhase heute in fast ganz Europa sowie in Westasien vor. Durch den Menschen wurde er außerdem in Nord- und Südamerika angesiedelt, desweiteren in Australien und Neuseeland.

Noch vor nicht allzu langer Zeit war der Feldhase in Europa ausgesprochen häufig. Während der letzten Jahrzehnte kam es jedoch zu massiven Bestandseinbußen. In Österreich wurde der Feldhase bereits 1990 in die Rote Liste der gefährdeten Tiere aufgenommen. Noch wird er in der Kategorie „potentiell gefährdet" geführt. Ohne geeignete Schutzmaßnahmen könnte sich dies jedoch rasch ändern.
Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Für den drastischen Rückgang der Feldhasenpopulationen sind mehrere Gründe verantwortlich: Der Hauptgrund ist zweifellos die Veränderung ihres Lebensraumes durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die massive Zersiedelung. In der monotonen, ausgeräumten Agrarlandschaft finden die Tiere zu wenig Deckung. Und auch das Nahrungsangebot ist zu wenig reichhaltig bzw. oft recht einseitig. Vermutlich beeinflussen auch Agrochemikalien die Gesundheit und den Fortpflanzungserfolg der Tiere. Der Klimawandel führte in Mitteleuropa außerdem zu einer Zunahme von nass-kalten Winter- und Frühjahrsperioden, was vor allem den Jungtieren stark zusetzt. Durch das verstärkte Verkehrsaufkommen werden Feldhasen zudem häufig Opfer im Straßenverkehr. (Allein in Österreich kommen auf diese Weise jedes Jahr mehr als 20.000 Tiere zu Tode!) Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor ist die Jagd. Zwar nimmt die Zahl der erlegten Hasen ab, doch werden europaweit jedes Jahr immer noch über fünf Millionen Feldhasen geschossen.
 
Ein Hase ist kein Nagetier!

Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Der Feldhase gehört zur Ordnung der Hasenartigen (Lagomorpha), die zwei Familien umfasst: die Hasen und die Pfeifhasen. Ihre Mitglieder – knapp 80 Arten – besiedeln die verschiedensten Lebensräume, von tropischen Wäldern bis hin zur arktischen Tundra. Zwischen den Hasen- und den Nagetieren bestehen zahlreiche Ähnlichkeiten (was nicht weiter verwunderlich ist, da es sich bei den beiden Ordnungen um stammesgeschichtliche Schwestergruppen handelt). Vor allem das Gebiss ist oberflächlich betrachtet recht ähnlich: Hasen wie auch Nagetiere besitzen auffallend große, starke Schneidezähne, die keine Wurzel haben, ein ganzes Leben lang wachsen und daher entsprechend abgenützt werden müssen. Zudem fehlen bei den Hasenartigen genau wie bei den Nagern die Eckzähne, sodass zwischen Schneidezähnen und Backenzähnen eine Lücke besteht. Erst bei genauerer Betrachtung zeigen sich die Unterschiede: Nagetiere besitzen nur ein Paar Schneidezähne in Ober- und Unterkiefer. Bei den Hasenartigen dagegen sitzt dicht hinter den Nagezähnen ein weiteres kleines Zahnpaar (die sogenannten Stiftzähne).

Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Der Feldhase selbst ist ein äußerst stattlicher Vertreter der Hasenartigen. Er kann eine Länge von knapp 70 cm und ein Gewicht von 6 kg erreichen. Zusammen mit dem Schneehasen ist der Feldhase damit der größte Hasenartige Europas. Dass er unserem Blick dennoch häufig verborgen bleibt, liegt an seinem dichten, braunen Fell, das ihm eine hervorragende Tarnung verleiht. Charakteristisch für den Feldhasen sind außerdem die ausgesprochen langen Ohren mit der schwarzen Spitze, die auch als Löffel bezeichnet werden. Wie ein Trichter fangen sie Schallwellen ein und bündeln sie. Da die Ohren außerdem einzeln bewegt werden können, sind Hasen in der Lage, Schallwellen aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig aufzunehmen. Die Ohren dienen dem Feldhasen aber auch als eine Art „Klimaanlage": Bei hohen Temperaturen wird viel Blut in die Löffel gepumpt, die dann in den Wind gehalten werden. Auf diese Weise wird das Blut gekühlt.
Ein weiteres auffälliges Merkmal des Feldhasen ist seine charakteristische Fortbewegungsweise. Die Hinterbeine sind deutlich länger als die Vorderbeine und so bewegt sich der Hase hoppelnd oder im Sprunggalopp fort. Die Vorderbeine besitzen fünf Zehen, wobei die erste (der Daumen) deutlich verkürzt ist. Ein Greifen ist daher – anders als bei den Nagetieren – nicht möglich. Die vier Zehen der als Sprungbeine ausgebildeten Hinterläufe sind stark verlängert. Die Oberschenkel sind kurz, die Unterschenkelknochen – also Schien- und Wadenbein – sind miteinander verwachsen. Diese kräftigen, langen Hinterbeine machen den Feldhasen zu einem hervorragenden Sprinter: Er kann Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 70 km /h erreichen, springt mit Leichtigkeit 5 bis 7 m weit und über 2 m hoch!
 
 
 
Häschen in der Grube

Feldhasen sind Einzelgänger. Nur während der Paarungszeit finden sie sich in größeren Gruppen zusammen. Aktiv sind die Tiere vorwiegend während der Dämmerung und der Nachtstunden. Den Tag über ruhen in sie einer flachen, meist gut versteckten Mulde, der sogenannten Sasse.
Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Meist besitzt ein Feldhase – Hasen sind sehr standorttreu – mehrere solcher Ruheplätze in seinem Revier. Nähert sich ein Feind (wie zum Beispiel Greifvogel oder ein Fuchs) bleibt der Hase zunächst regungslos, geduckt und mit eng angelegten Ohren in der Sasse liegen. Erst wenn der Feind seinem Versteck zu nahe kommt, ergreift er blitzartig die Flucht. Um den Verfolger zu irritieren, schlägt der Feldhase Haken – das heißt, er ändert während des Laufens blitzschnell die Richtung. (Und das auch bei großer Geschwindigkeit in einem Winkel von beinahe 90°!) Anders als zum Beispiel das Kaninchen kann der Feldhase eine rasche Flucht über größere Distanzen durchhalten. Dies ist auch notwendig, denn Hasen legen keine Baue an, in denen sie sich verstecken können. Auch die jungen Hasen werden nicht in einem Bau, sondern in der Sasse geboren. Ihre gute Tarnung bildet ihren einzigen Schutz.
Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark

Drei- bis viermal im Jahr kann eine Häsin Junge bekommen, wobei ein Wurf in der Regel aus zwei bis fünf Jungen besteht. Diese werden bereits nach fünf bis acht Monaten selbst geschlechtsreif. Zur Paarungszeit – sie dauert von Jänner bis Oktober – treffen sich Gruppen von paarungsbereiten Tieren auf sogenannten Rammelplätzen. Sie sind dann auch tagsüber aktiv und leicht zu beobachten. Während der Gruppenbalz kämpfen die Männchen (die Rammler) um die empfängnisbereiten Häsinnen. Sie jagen sich, richten sich auf die Hinterbeine auf und boxen einander mit den Vorderbeinen. Da die Paarung beim Weibchen den Eisprung auslöst, kommt es so gut wie immer zu einer Trächtigkeit. Gelegentlich tritt sogar eine sogenannte Doppelträchtigkeit auf. Weibliche Feldhasen können nämlich noch während sie trächtig sind erneut befruchtet werden! Die Tragzeit beträgt rund 42 Tage. Die neugeborenen Feldhasen wiegen zwar nur 100 Gramm, sind aber bereits voll entwickelt – das heißt, sie sind behaart, können sehen und haben auch schon Zähne. Für ihr Überleben und Gedeihen ist neben anderen Faktoren eine ausgewogene und kalorienreiche Ernährung der Mutter ausschlaggebend. Feldhasen ernähren sich als reine Pflanzenfresser von den verschiedensten Gräsern, Kräutern und Ackerpflanzen und verschmähen im Winter auch die Rinde junger Bäume nicht. Laktierende Mütter benötigen jedoch einen besonders hohen Anteil an fettreichen Kräutern für die Milchproduktion – eine Anforderung, die sich in unserer modernen Agrarlandschaft nicht immer erfüllen lässt. Doch selbst wenn die Muttermilch ausreichend fett und nahrhaft ist, ist die Sterblichkeit unter den Jungtieren hoch – vor allem wenn die Witterungsverhältnisse ungünstig sind. Besonders jene Jungen, die bereits im März geboren werden, haben einen schwierigen Start ins Leben. So können Feldhasen in der freien Wildbahn zwar theoretisch ein Alter von mehr als 10 Jahren erreichen. Tatsächlich aber überlebt ein Großteil der Tiere nicht einmal das erste Jahr.
 
Vom Fruchtbarkeitssymbol zum Osterhasen

Feldhase, Foto: Barbara Seiberl-Stark
Um den Feldhasen ranken sich zahlreiche Märchen, Mythen und Geschichten. Nicht nur seine Scheu, seine Schnelligkeit und Wendigkeit sind sprichwörtlich. Seit jeher gilt der Feldhase auch als Sinnbild für Sexualität und Fruchtbarkeit. Im antiken Griechenland war er der Liebesgöttin Aphrodite heilig, und man vermutete sogar, dass auch Hasenmännchen trächtig werden könnten. Im frühen Christentum wurde der Feldhase aufgrund seiner Wehrlosigkeit zum Sinnbild des auf Gott vertrauenden Menschen. In Byzanz avancierte er sogar zum Christus-Symbol. Man nahm an, dass der Hase wegen seiner kurzen Vorderbeine und seiner langen Hinterläufe besonders leicht bergauf laufen könnte. Beim Bergablaufen dagegen würde er rasch seinen Feinden zum Opfer fallen – genau wie der Mensch, der in die irdischen Niederungen hinabsteigt, anstatt sein Streben nach oben (also gen Himmel) auszurichten. Allerdings war der Hase in der christlichen Welt nicht nur Sinnbild für den steilen Weg zum Heil. In den Büchern Moses etwa gilt er als unreines Tier. Er steht außerdem für Wollust und ungezügeltes Sexualverhalten. Der rege Paarungstrieb des Feldhasen war so manchen Vertretern der Kirche ein Dorn im Auge. Mitte des 8. Jh. verbot Papst Zacharias daher kurzerhand den Verzehr von Hasenfleisch, der seiner Meinung nach die Tugendhaftigkeit und die Moral eines jeden guten Christenmenschen gefährdete. Besonders suspekt war der Hase den Menschen während des Mittelalters. Denn man war der Meinung, dass Hexen sich jederzeit in Hasen verwandeln könnten, wenn sie sich nur mit dem Fett der Tiere einrieben. Als Osterhase taucht der Feldhase dann erstmals im 17. Jahrhundert auf. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet der Hase den Kindern die Ostereier bringt, ist jedoch bis heute nicht vollständig geklärt. Vermutlich liegt es nicht zuletzt daran, dass die außerordentliche Fruchtbarkeit des Hasen stets mit dem Frühling in Verbindung gebracht wurde – jener Zeit also, zu der auch das Osterfest gefeiert wird. Fakt ist, dass sich der Hase gegen die anderen Osterboten durchsetzte. (Denn zuvor dienten auch andere Tiere als „Eierlieferanten" – etwa der Fuchs, der Hahn, der Kuckuck oder der Storch.) Heute ist der Osterhase nicht mehr nur im deutschsprachigen Raum bekannt. Deutschsprachige Auswanderer verbreiteten den Osterhasen in aller Welt. Insbesondere in den Vereinigten Staaten hat er als „Easter Bunny" inzwischen eine gewisse Popularität erlangt. Hierzulande freut die große Beliebtheit des Osterhasen nicht zuletzt die Süßwarenhersteller. Denn längst hat der Schokoladenosterhase den Weihnachtsmännern und Schoko-Nikoläusen den Rang abgelaufen – oder sollte man besser sagen: gehoppelt?


Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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