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Meine Jugend – Deine Jugend: Miteinander reden

Über die Telefonzelle

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Foto: Telefonzelle in der Ausstellung, am Apparat die wissenschaftliche Mitarbeiterin Andrea Thuile
Sie gehörte neben Kirchturm und Lagerhaus zum Ortsbild, die Telefonzelle. Sie hat Leben gerettet und Beziehungen ermöglicht. Wer heute danach fragt, erntet Blicke, als gälte die Erkundigung der nächsten Pferdetränke. Sie ist zu einem historischen Stadtmöbel abgesunken, für Jugendliche oft ohne identifizierbare Bestimmung, zum Überrest einer vergangenen Zeit.

Eines dieser Memorialien steht in der Ausstellung „Meine Jugend – deine Jugend“ und für Auskünfte via Tonbanddienst zur Verfügung: Christian und Gerhard erzählen von ihrer Jugend am Telefon, die Schallplatte der Woche ist zu hören, Kinoprogramm, Schneebericht 1)… Der „Münzer“ ist von 1976, das Telefongehäuse von 1983.

 

Heute verrichten in Österreich noch 10.500 Telefonzellen ihren Dienst, davon 2.400 in Niederösterreich, 89 in St. Pölten. Die Mindestversorgung ist in der Universaldienstverordnung des Infrastruktur-Ministeriums, BGBl. 293/2016, geregelt (bis 3.000 Einwohner pro Gemeinde: 1 Telefonzelle, 1.500 bis 3.000: 2, darüber hinaus pro weitere 3.000 Einwohner: 1).

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Fotos: Links: Münzfernsprecher am Stephansplatz (1957), rechts: Vorgängermodell ab1945
Bis die Innovation aus den USA, das Telefonieren in der Öffentlichkeit, im öffentlichen Raum, in Österreich Einzug hielt, ist ein Vierteljahrhundert verstrichen. Die erste „Telephon-Station“ wurde im August 1903 am Wiener Südbahnhof eröffnet, der Mindesteinsatz betrug 20 Heller. Weitere Bahnhöfe folgten, 1907 waren es 42 Stationen in Wien und zwei im Kronland Tirol. Das Patent dafür, Nr. 311 vom 8. Februar 1899 für einen „Telephon-Automaten“, erwarb Robert Bruno Jentzsch (1852-1912), ein vielseitiger Techniker.

Die Bedenken gegen das öffentliche Telefonieren, das Fernsprechen auf der Gasse, waren damals erheblich.  Die Stadtverwaltung hatte keine Freude mit der Verhüttelung der Stadt, die Cafetiers fürchteten um ihre Einnahmen. Der erste öffentliche Münzfernsprecher befand sich nach Ausstattung der Bahnhöfe im Café Central, dem legendären Literatencafé.

Mit angemessener Verzögerung wurde schließlich 1912 ein „Telephon-Kiosk“ am Universitätsring/Ecke Schottengasse aufgestellt. An der glamourösen Ringstraße, schalldicht, verschlossen, achteckig, der Standardtypus für längere Zeit. „Aber ist denn das Wesentliche einer Telephonzelle das Telephon? Nein, das Wesentliche sind die vier Wände. Die Enge. Die Ruhe im Lärm.“ Können wir heute noch nachvollziehen, was Alfred Polgar, der Meister des Feuilletons, empfand?

Zehn Jahre später, 1917, übersäten bereits 600 Exemplare die Stadt, noch einmal 40 Jahre später wagte man sich auf den Stephansplatz vor, wo sie am 17. Jänner 1957 mit großem Tam und Postmusik ihrer Bestimmung übergeben wurde. Der Bedarf, über den eigenen Ortsrand hinaus zu telefonieren, wuchs und am 29. September 1961 wurde in der neu errichteten Wiener Opernpassage  der erste Fernwahlmünzer eröffnet.

Fotos: Modell 1914 (am Schwarzenbergplatz) – Modell 1920 (bei der Urania) – Modell 1958

Jede Zeit hat ihre Mode-Erscheinungen, ihren Look. Das gilt für alle Lebensbereiche, also auch für die Architektur der Telefonzellen. Das gelbschwarze Nachkriegsmodell aus Holz hielt sich bis in die 1970er Jahre. Beim Betreten sorgte ein Kontakt sogleich für Erleuchtung. Manche benutzten das Häuschen beim Eintritt als Abtritt, was ein sehr spezielles Odeur hervorbrachte. Holz wurde durch Metall und schließlich durch das stylische Aluminiumgehäuse ersetzt. Weil der zweckfremden Verwendung schwer vorzubeugen war,  verzichtete man zur Schadensbegrenzung bei den Alu-Hütteln auf einen Fußboden.

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Foto: Wertkarten für die bargeldlose Telefonverbindung mit internationalem Sammlerwert
An privilegierten Standorten, auf Flughäfen und Bahnhöfen, konnte man ab 1986 bargeldlos mit Kreditkarte telefonieren. Wenige Jahre davor, 1980, kam die Telefonwertkarte auf den Markt. Sie wurde schnell zum Sammlerstück wie ihre Schwester aus dem Beförderungsgewerbe, die Briefmarke. Wer noch ein Guthaben auf seiner Schilling-Wertkarte in die Gegenwart gerettet hat, kann das nach wie vor einlösen. Sie funktioniert auch in Euro-Zeiten, die Displays wurden nie umgestellt. Vorausgesetzt, Sie finden eine Telefonzelle und haben gerade ihr Mobiltelefon verlegt, verloren, sich einen Handy-Fasttag verordnet.

Anfang der 1980er Jahre wurden Telefonnummern mancherorts nicht mehr mit Scheibe gewählt, sondern über Tasten. Eine Umstellung war es nur für die Telefonierenden, nicht für die Post, sie rüstete einfach neue Apparate mit der aktuellen Technologie aus und beließ den alten ihre Gestalt.

Für Bibliophile nenne ich noch das Telefonbuch, das in keiner Telefonzelle fehlen durfte. Nicht selten sah das vorhandene Exemplar aus, als hätte es der österreichische Kraftsportler Otto Wanz (1943-2017) zerlegt, der sich in seiner Blütezeit auf das medienwirksame  Zerreißen dieser lexikalischen Werke der Personen-, Adress- und Nummernliteratur spezialisiert hatte. Das erste Verzeichnis dieser Art erschien übrigens am 23. Oktober 1881 noch nicht in Buchform, sondern als Inserat in mehreren Tageszeitungen und nannte alle 154 Telefonie-Pioniere und deren Telefonanschlüsse.

So wie sich die Kommunikationsformen in den letzten beiden Jahrzehnten signifikant verändert haben, so ist auch ein Wandel in der Bestimmung der Telefonzelle eingetreten. Sie wurde zum öffentlichen Bücherschrank, Wartehäuschen, Dusche,  Paketstation, in Neumarkt am Wallersee zum Museum und in Bad Schallerbach steht die erste Telefonzelle mit Defibrillator. In Kombination mit Stromtankstellen sollen sie auch bereits vorkommen.

Der gemeinsame Anblick von Postkasten und Telefonzelle, wie es vor nicht allzu langer Zeit noch gang und gäbe war, löst heute geradezu einen Jö-Schau-Reflex aus. Das Vorgefundene auf Nostalgieseiten zu posten ist Ehrensache und dem staunenden Nachwuchs das Geheimnis dieser Antiquitäten zu entschleiern sowieso.

 

Text: Gerhard Hintringer
Fotos: Daniel Hinterramskogler, A1 Telekom Austria AG - Ing. Gerhard Fürnweger danke ich für die Unterstützung mit historischem Bildmaterial, seinen Hinweis auf eine Ungenauigkeit und Detailauskünfte.

Sonderausstellung

Meine Jugend – deine Jugend. Eine Generation schreibt Geschichte
26. April 1919 bis 19. Jänner 2020

 

Weitere Beiträge zur Ausstellung:
https://www.museumnoe.at/de/das-museum/blog/meine-jugend-deine-jugend
https://www.museumnoe.at/de/das-museum/blog/erzaehlte-geschichte-dadic-rapp

1)Insgesamt stehen in der Ausstellungs-Telefonzelle 13 Tonbanddienste zur Verfügung, die sich der unkomplizierten Zusammenarbeit mit A1 und Kapsch verdanken.  

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