Kriegsschauplatz NÖ #1

© Militärhandbuch von Johann Jacobi von Wallhausen, 1616

Von der Schleuder zur Blide

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz Niederösterreich"
mit Blide, Foto: Heidrun Wenzel
Finger und ein starkes Gummiringerl – schon konnten wir in der Schule über ein paar Bankreihen hinweg eine Briefbotschaft verschicken oder nur so aus Jux und Tollerei einen Radiergummi als „Waffe“ einsetzen. Stärke des Gummis, Gewicht des Geschosses und Geschick des Schützens/der Schützin entschieden über die Weite und Qualität des „Schusses“.  
Schleudern waren von der Antike bis zum Mittelalter wichtige Fernwaffen. Die einfachste Form war ein langer Streifen Leder oder Stoff mit einer Ausbuchtung für das Geschoss in der Mitte. Der Kämpfer nahm die beiden Enden der Schleuder in die Hand, schwang sie und ließ dann ein Ende los; die durch das Schwingen der Schleuder aufgebaute Energie schleuderte das Geschoss weg. Man nutzte dabei die Hebelwirkung. Diese konnte man natürlich noch steigern: etwa durch die Länge der Schleuder oder durch die Anbringung eines Stabes. Diese Stab- bzw. Stockschleuder – lateinisch Fustibalus – war eine wichtige Waffe im römischen Heer. Der römische Militärschriftsteller Flavius Vegetius Renatus bezifferte die Reichweite mit sechshundert Fuß; das sind etwa 200–300 Meter. Er setzte die Reichweite bei Übungen mit der von Bogen gleich.   
Unzweifelhafte Vorteile der Schleudern waren billige Herstellung und der Umstand, dass man überall Munition dafür fand: einmal waren es Steine, wie bei David im Alten Testament, der für den Kampf gegen Goliath fünf glatte Steine aus einem Bachbett für seine Schleuder mitnahm. Mit Stockschleudern wurden auch Brandsätze verschossen oder die ersten Granaten. Schleudern waren im Gegensatz zu Armbrust und Bogen unempfindlich gegen Witterungseinflüsse. Sie waren leicht an Gewicht und praktisch zum Transportieren: einfach zusammenrollen und einstecken. Und: Schleudern waren eine lautlose Waffe.

Militärhandbuch von Johann Jacobi von Wallhausen, 1616

Ihre Nachteile liegen allerdings auch auf der Hand: Ihr Einsatz war abhängig von den Geländeverhältnissen: Nur auf offenem Feld konnten Schleudern ihre volle Stärke entfalten. Mit der Entwicklung der Rüstungen war ihr Einsatz nur mehr begrenzt sinnvoll. Und nicht zu unterschätzen ist ihre schwierige Handhabung: Nur durch viel Übung erreichte man mit Schleudern den erwünschten „Erfolg“. „Schleuderer“ gehörten zu den ersten historisch belegten Söldnertruppen. So warben z.B. römische Herrscher balearische Schleuderer für ihre Legionen an. Trotz dieser Nachteile hielten sich Schleudern als Fernwaffen noch lange. Auf spätmittelalterlichen Darstellungen finden sich immer noch Kämpfer mit Steinschleudern. Und selbst zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte noch die Ausbildung in dieser Kampftechnik, wie das Militärhandbuch von Johann Jacobi von Wallhausen aus dem Jahr 1616 zeigt.
Das Mittelalter kannte dann zwei verschiedene Typen von Wurfmaschinen, mit denen man die Befestigungsanlagen der Städte und der Burgen überwinden wollte. Der eine Typ war ein einarmiges Wurfgeschütz auf Torsionsbasis – Onager oder Mange, der andere war die Blide, eine Wurfmaschine nach dem Prinzip des zweiarmigen Hebels, die bis ins 16. Jahrhundert eingesetzt wurde. Eine solche Blide haben wir für die Ausstellung nachgebaut. Genutzt wird dabei das Hebelarmprinzip: ein Gegengewicht auf der kurzen Armseite sorgt für die notwendige Beschleunigung der langen Armseite, an der die Schlinge für das Wurfgeschoss angebracht ist. Die Blide erreicht eine große Reichweite, da die Rotation des Wurfarmes und der Schlinge für eine starke Beschleunigung des Geschosses sorgen. Es existieren zwar keine zeitgenössischen Pläne mehr, aber aufgrund von Berichten schätzt man die Reichweite selbst früher Bliden auf etwa 300 Metern. Das Gewicht der Kugeln lag ca. bei 30 Kilogramm. Bei der Belagerung der Stadt Köln durch Erzbischof Konrad von Hochstaden 1257 trafen Geschosse der jenseits des Rheins in Deutz aufgestellten Blide ein Gebäude am Rotenberg: Die Reichweite betrug demnach 450 Meter.

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz Niederösterreich" mit Blide, Foto: Gerald Lechner
Die ersten Wurfgeschütze dieser Art wurden vermutlich in China entwickelt: Die ältesten Belege stammen aus der Song-Dynastie. Man nimmt an, dass die Technik durch die Turkvölker Zentralasiens den Arabern bekannt wurde. Der erste bekannte Einsatz von Bliden erfolgte bei der Belagerung Lissabons durch die Kreuzfahrer 1147. Eine weitere wichtige Entwicklung erfolgte zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Die Länge der Wurfschlinge wurde verstellbar gemacht: So konnte man unterschiedliche Wurfweiten erzielen, ohne die Masse des Gegengewichts oder der Geschosse verändern zu müssen. Als Geschosse dienten neben Steinkugeln grob behauene Felsbrocken und Brandsätze, die in das Innere der belagerten Städte oder Burgen geschleudert wurden. Große Bliden, die mit Laufrädern betrieben wurden, konnten Steinbrocken von mehr als einer Tonne auf Entfernungen von 100 Metern werfen – so geschehen bei der Belagerung von Zypern und Zara 1346.
Bliden wurden aber auch von den Verteidigern im Inneren der Städte und Burgen aufgestellt. Das belegen die Eintragungen in diversen Rechnungsbüchern deutscher Städte. Die Bliden wurden in zerlegter Form in den Zeughäusern aufbewahrt und bei Bedarf zusammengebaut.
In den spätmittelalterlichen „Kriegsbüchern“ finden sich häufig Darstellungen von Bliden. Diese zeigen auch andere Arten von Wurfgeschossen: tote Hunde, Katzen, Esel, Rinder und Schweine, Fässer mit Urin und Fäkalien wurden in die belagerten Plätze geworfen, um so den Ausbruch von Seuchen zu begünstigen und die Verteidiger zu demoralisieren. Diese Art der Kampfführung war mit ein Grund dafür, dass noch im 16. Jahrhundert neben den schweren Pulvergeschützen weiter Bliden zum Einsatz kamen.
          
Literatur:
Volker Schmidtchen, Kriegswesen im späten Mittelalter. Weinheim 1984
 
Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra  
Die Ausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich" ist noch bis 31. Juli 2016 im Landesmuseum Niederösterreich zu sehen.

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