Frauenportrait #25

© NÖ Museum Betriebs GmbH


Katharina Schratt – die Vielgeliebte



Durch Jahrzehnte kannte man Katharina Schratt als langjährige Freundin und Vertraute Kaiser Franz Josephs, bei der er Ablenkung und Verständnis fand, also all das, was ihm seine Gemahlin versagte. In den letzten Jahren in Familienbesitz aufgefundene Briefe zeichnen nun ein etwas anderes Bild der Schauspielerin. 
Der Kaiser war – abgesehen von ihrem Gatten – bei weitem nicht der einzige Mann, der in ihrem Leben eine Rolle spielte. Geschickt verstand sie es gleichzeitig mehrere Verehrer – oder Liebhaber? – um sich zu sammeln. Dabei vermittelte sie allen Männern das Gefühl, ihr Favorit zu sein. Ihr großes psychologisches Einfühlungsvermögen zeigt sich auch darin, dass die ehemaligen Verehrer/Liebhaber ihr in Freundschaft verbunden blieben.
Schauspielerinnen hatten es nicht leicht. Ihr Beruf erforderte einen Lebensstil, der mit Gagen nicht leicht zu bestreiten war. Allein die notwendige Garderobe verschlang Unsummen. Von einer Schauspielerin wie Katharina Schratt erwartete die Gesellschaft ein entsprechendes Auftreten. Überdies war der Kontakt mit hochgestellten Persönlichkeiten der Karriere oft sehr förderlich.
Irgendwann um das Jahr 1886 – der erste erhaltene Brief wurde im Frühsommer dieses Jahres geschrieben – lernte Katharina Schratt einen der reichsten Aristokraten Wiens kennen: Johann Graf Wilczek. Wilczek war nicht nur reich, er engagierte sich auf den verschiedensten Gebieten: Er förderte die Österreich-Ungarische Nordpolexpedition von Julius Payer und Carl Weyprecht in den Jahren 1872 bis 1874; zwischen 1874 und 1906 ließ er für seine umfangreichen Kunstsammlungen die Burg Kreuzenstein bei Wien errichten. Er gründete die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft und ließ das Rudolfinerhaus in Wien errichten. Zu seinen Freundeskreis zählten die führenden Wissenschaftler seiner Zeit. Die Liebe zu Katharina Schratt hatte den fast Fünfzigjährigen ordentlich gepackt: „Katherl – was ich dabei fühlte hab ich nicht für möglich gehalten fühlen zu können – obwohl ich mich genau kenne – und ich mir ungeheueres zutraue – Katherl jetzt sehe ich erst was ich leide fern von dir – und wie ich dich liebe – wie ich an dir halte – und was du mir bist“.  Es war dasselbe Jahr 1886, in dem sich Katharina Schratt bereits intensiv um die Freundschaft des Kaisers bemühte.

Katharina Schratt mit Kaiser Franz Joseph
© UB Foto
Eingefädelt hatte die beginnende Freundschaft zu Franz Joseph Kaiserin Elisabeth höchstpersönlich. Sie war auf der Suche nach einer Freundin für ihren Gemahl, Kennengelernt hatte der Kaiser Katharina Schratt anlässlich der Audienz, zu der sie geladen war, um sich als Schauspielerin des k.u.k. Hofburgtheaters vorzustellen. Die nächste Begegnung fand beim „Ball der Industriellen“ im Fasching 1885 statt. Wieder kamen sie miteinander ins Gespräch, und wieder, wie bei der Audienz, amüsierte sich der Kaiser über ihre frische, unverblümte Art. Im August sahen sie sich wieder: Beim Empfang des russischen Zaren Alexander III. gaben prominente Schauspielerinnen des Burgtheaters Proben ihres Könnens ab. Sie waren auch zum anschließenden Souper geladen. So lernte Kaiserin Elisabeth Katharina Schratt kennen und begann die aufkeimende Neigung zu fördern. In ihr hoffte sie endlich einen adäquaten „Ersatz“ gefunden zu haben, damit sie sich ohne schlechtes Gewissen noch länger auf Reisen aufhalten konnte. Als nächsten Schritt musste der zu seiner Zeit berühmte Porträtmaler Heinrich Angeli im Auftrag der Kaiserin ein Porträt Katharina Schratts anfertigen. Noch wusste Schratt nichts von dem Spiel, dass die Kaiserin eingefädelt hatte. Bei der letzten Porträtsitzung erschien dann der Kaiser höchstpersönlich. Zwei Tage nach dem Treffen bei Angeli erhielt Schratt das erste Schreiben des Kaisers, dem ein Smaragdring beilag.  Da durchschaute sie das angebahnte Arrangement, das allerdings ihren Wünschen nur entgegenkam. Mehr konnte eine Schauspielerin zu dieser Zeit nicht erwarten als den Kaiser als Gönner zu gewinnen. Auch Graf Wilczek durchschaute das Spiel: „Katherl wenn Dir bei Angeli nur nicht doch etwas geschah – zwar Dir nicht – aber mir, ich muß immer daran denken – und frage mich – was denkt mein Katherl darüber? – wird mir das nicht etwas von ihr nehmen?
Das nächste Treffen mit dem Kaiser fand dann am Wolfgangsee statt. Schratt hatte für den Sommer die Villa Frauenstein gemietet, in der sie den Kaiser zum Frühstück, den Grafen zum Diner empfing. Für den Kaiser war Katharina Schratt die ideale Gefährtin für die wenigen Stunden Freizeit: Sie war das genaue Gegenteil der Kaiserin; sie stand mit beiden Beinen fest im Leben. Ihre Interessen galten eher den trivialen Seiten des Lebens. In der Folge versorgte sie den Kaiser mit Klatsch und Tratsch aus der Wiener Gesellschaft. Bei ihr fand er die notwendige Ablenkung und konnte wenigstens für wenige Stunden Mensch sein. Er überhäufte sie dafür mit Geschenken und ermöglichte ihren aufwändigen Lebensstil. Er schenkte ihr eine Villa in der Gloriettegasse in Wien, nahe dem Schloss Schönbrunn, damit er sie in Wien auch täglich zum Frühstück aufsuchen konnte. In Bad Ischl stellte er ihr in späteren Jahren die Villa Felicitas auf der Straße nach Pfandl zur Verfügung. Täglich besuchte er sie dort während des Sommers, und sie ließ für ihn ihren berühmten Gugelhupf backen. Zur Vorsicht musste die Konditorei Zauner täglich einen weiteren nach ihrem Rezept backen für den Fall, dass ihrer misslang. Katharina Schratt wurde in all den Jahren wiederholt in die kaiserliche Villa zu Diners und Spaziergängen mit der kaiserlichen Familie eingeladen.    
Bis 1895/6 gelang es ihr, daneben das Verhältnis mit Johann Graf Wilczek aufrecht zu erhalten, was weiter nicht schwer war, da der Graf ein guter Freund des Kaisers und des Kronprinzen war. Manchmal wurde der Kaiser zwar misstrauisch, Katharina konnte ihn aber immer wieder überzeugen, dass es sich dabei um eine rein platonische Freundschaft handelte. Was ihr nicht gelang, war über den Kaiser Einfluss auf die Leitung des Burgtheaters zu nehmen. Hier konnte sie ihre Wünsche nicht durchsetzen, dazu war der Kaiser zu korrekt. Ein weiterer Grund für die sich mehrenden Auseinandersetzungen resultierte aus der Weigerung des Kaisers, ihr den von Kaiserin Elisabeth versprochenen „Elisabeth-Orden 1. Klasse“ zu verleihen. Zu Lebzeiten der Kaiserin wäre das für den Kaiser kein Problem gewesen, nun nach der Ermordung Elisabeths 1898 sah sich der Kaiser außerstande, dies zu tun. Nun da ihre Gönnerin tot war, begann man bei Hofe gegen die Schratt zu hetzen. Die Reibereien am Burgtheater führten schließlich zu ihrer Kündigung des Vertrages, eine Kündigung, die der Kaiser anzunehmen hatte. Obersthofmeister Montenuovo, dem die Schratt ein Dorn im Auge war, sah endlich die Gelegenheit gekommen, sie loszuwerden. Er überzeugte den Kaiser davon, dass die Schratt des Theaterspielens müde war, und der Kaiser, dem ein Ränkespiel in tiefster Seele fremd war, nahm die Kündigung an. Katharina Schratt, die die Kündigung nur als Druckmittel einsetzten wollte, verließ empört Wien. 15 Jahre hatte die Freundschaft gedauert, die nun ein jähes Ende fand. Der Kaiser war es, der am meisten darunter litt. Erst im kommenden Jahr kam es zu einer Versöhnung, die allerdings das alte Vertrauensverhältnis nicht mehr wiederherstellte.

Katharina Schratt als Maria Theresia
© UB Foto
Im Jahr danach feierte Katharina Schratt ihr kurzes Comeback als Schauspielerin in der Rolle der Maria Theresia; der Kaiser freute sich darüber, sie wieder auf der Bühne bewundern zu dürfen – noch dazu trug sie bei dieser Gelegenheit all die Juwelen, die er ihr verehrt hatte. Aber – Ironie des Schicksals – Katharina Schratt verliebte sich bei dieser Gelegenheit unsterblich in ihren zehn Jahre jüngeren Partner Viktor Kutschera, der Franz Stephan von Lothringen spielte. Ein jüngst aufgetauchter Brief legt Zeugnis von der großen Leidenschaft dieses Verhältnisses ab, das zumindest bis 1903 dauerte.    

Nach dem Tod des Kaisers führte Katharina Schratt ein völlig zurückgezogenes Leben in dem Haus am Ring, das sie von ihrem Gemahl geerbt hatte. Sie besuchte täglich die Kirche und mehrmals in der Woche die Kapuzinergruft. Im Alter von 86 Jahren starb sie am 17. April 1940 und wurde am Hietzinger Friedhof beigesetzt. Trotz ihrer Freude an Klatsch und Tratsch bewahrte sie bis zu ihrem Tod all die Geheimnisse, die sie mit ihren Verehrern und Gönnern teilte, und widerstand allen lockenden Angeboten der Boulevardpresse, ihre Erinnerungen zu verkaufen.

Im nächsten Blogbeitrag lernen Sie ein paar Kochrezepte aus dem Besitz der Familie Schratt kennen.

Text: Dr. Elisabeth Vavra
Lit.:
Georg Markus, Katharina Schratt. Die heimliche Frau des Kaisers. Wien 1982.
Georg Markus, Es war ganz anders, Geheimnisse der österreichischen Geschichte. Wien 2013.
Katrin Unterreiner, Kein Kaiser soll uns stören. Katharina Schratt und die Männer. Wien-Graz-Klagenfurt 2014.

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