Frauenportrait #20

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#20 Ursula (Julia) Ledóchowska - eine Heilige aus Niederösterreich 

 

 

Der Ambrosi-Schüler Carlo Wimmer schuf
die Statuen der beiden Schwestern (Detail).
Pfarrkirche Loosdorf, Foto: E. Vavra
Die Grafen Ledóchowski waren ein Adelsgeschlecht, das einst dem polnischen Hochadel angehörte. Nach dem Ende des polnischen Königreiches erwarben sie die erbliche österreichische Grafenwürde und stellte fortan ihr Wirken in den Dienst der Habsburgermonarchie. 1843 erwarb der k. k. Kämmerer Anton August Graf Halka Ledóchowski das Schloss Sitzenthal bei Loosdorf und siedelte sich dort mit seiner ersten Gemahlin, einer Gräfin Seilern, an, die drei Söhnen das Leben schenkte. Nach ihrem Tod  heiratete er Gräfin Josephine Salis-Zizers. Sie gebar ihm fünf Kinder, unter ihnen 1863 Maria Theresia, die die Petrus-Claver-Sodalität gründete, 1865 Julia und ein Jahr später Wladimir, der von 1915 bis 1942 Ordensgeneral des Jesuitenordens werden sollte. Der Onkel der Kinder Mieczysław Halka Ledóchowski war Erzbischof von Gnesen und Posen und später Kardinal und Präfekt der Kongregation zur Verbreitung des Glaubens in Rom.

Durch den Wiener Börsenkrach 1873 verlor die Familie den Großteil ihres Vermögens. Sie musste ihren Ansitz verkaufen und zog nach St. Pölten. Maria Theresia und Julia gingen gemeinsam bei den Englischen Fräulein zur Schule. Der Vater kränkelte und wollte zurück in die alte Heimat Polen. So zog die Familie 1883 nach Lipnica in Galizien in der Nähe von Krakau, damals Bestandteil des Kaisertums Österreich.

Hl. Ursula als 15-jähriges Mädchen,
Foto: Sanktuarium
św. Urszuli Ledóchowskiej
Zwei Jahre nach der Übersiedlung starb Graf Ledóchowski; zuvor hatte er noch seiner Tochter Julia die Erlaubnis erteilt, ihrer Berufung zu folgen und in den Orden der Ursulinen einzutreten. Dies tat sie dann 1886 und nahm den Ordensnamen Ursula nach der Gründerin des Ordens an. Am 28. April 1889 legte sie die ewigen Gelübde ab und war in der Folge als Lehrerin und Erzieherin in der Ordensniederlassung in Krakau tätig, wo sie 1904 zur Oberin des Klosters gewählt wurde. In Petersburg gründete sie ein Internat für polnische Studentinnen, weil sie vom Pfarrer der St. Katharinen-Kirche, dem Monsignore Konstantin Budkiewicz, darum gebeten worden war, 1907 dann ein Ursulinenkloster in Petersburg und ein gleiches in Sortavala in Finnland. Hier nahm sie auch ökumenische Kontakte und übersetzte den Katechismus ins Finnische, ebenso ein religiöses Liederbuch. Für arme Fischer und deren Familien gründete sie ein Ambulatorium, das kostenlos den Kranken half.
Der Ambrosi-Schüler Carlo Wimmer schuf
die Statuen der beiden Schwestern.
Pfarrkirche Loosdorf, Foto: E. Vavra

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte einen weiteren Aufenthalt im Land des Kriegsgegners unmöglich. Schwester Ursula ging nach Stockholm und gründete dort eine Mädchenschule und ein Waisenhaus für Kinder polnischer Emigranten. Sie setzte sich für eine zukünftige polnische Unabhängigkeit ein, indem sie während der Kriegsjahre 1915 bis 1918 in den skandinavischen Ländern mehr als 80 Konferenzen abhielt, auf denen sie über Kultur, Literatur und Geschichte des polnischen Volkes sowie über sein Recht auf Freiheit, Unabhängigkeit und staatliche Selbständigkeit sprach. Sie unterstützte das vom Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz in der Schweiz gegründete Komitee zur Hilfe für polnische Kriegsopfer.

Das Wiedererstehen Polens ermöglichte ihr die Rückkehr in die Heimat. Dank der finanziellen Hilfe des norwegischen Konsuls in Dänemark Stolt-Nielsen kaufte Mutter Ursula in Pniewy bei Posen ein Grundstück mit zwei Villen, wo das Mutterhaus des neu gegründeten ursulinischen Zweigs entstand. Sie kam 1920 aus Skandinavien direkt nach Pniewy (Mehr zum Sanktuarium in Pniewy: http://sanktuarium-pniewy.pl/de/geschichte-des-sanktuariums). Bald zeigte sich jedoch, dass ihre Interessen und ihre Ziele, entwickelt in den Jahren des Exils in Skandinavien, sich von denen des Ordens unterschieden. Richtete sich dieser an ein bürgerliches Publikum, so lagen ihr und ihren Mitschwestern aus St. Petersburg die Ärmsten der Armen am Herzen. So trennte sich Ursula Ledóchowska mit ihren Schwestern im Einverständnis mit dem Heiligen Stuhl in Rom vom polnischen Ursulinenorden und gründete den selbständigen Zweig der „Ursulinen von dem Todesangst leidenden Herzen Jesu“ („Orsoline del Sacro Cuore di Gesú Agonizzante“, in Polen „die grauen Ursulinen“ genannt). 1923 erhielt die Ordenskongregation probeweise die kirchliche Approbation, 1930 bereits die definitive. Als die Gründerin am 29. Mai 1939 in Rom 74jährig starb, zählte die Ordenskongregation bereits mehr als 777 Mitglieder in 35 Klöstern. Heute sind es 95 Niederlassungen in Finnland, Frankreich, Italien, Polen, Brasilien, Kanada und seit 1980 auch in der Bundesrepublik Deutschland. Die Grauen Ursulinen widmen sich vor allem der christlichen Erziehung und Armenfürsorge.

Hl. Ursula mit Kindern in Frankreich (Ucel),
Foto: Sanktuarium św. Urszuli Ledóchowskiej
Der Leichnam der Ordensgründerin wurde in Rom beigesetzt. 1989 wurde er von Rom nach Pniewy überführt. 1983 wurde Mutter Ursula von Papst Johannes Paul II. selig- und am 18. Mai 2003 heiliggesprochen. Der liturgische Feiertag der Heiligen Ursula wird am 29. Mai begangen.

Text: Dr. Elisabeth Vavra

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