Frauenportrait #19

© NÖ Museum Betriebs GmbH

 

 

#19 Schwester Maria Restituta

eine Kämpferin für den Glauben

 

Sr. Maria Restituta,
Fotoquelle: Dokumentationsarchiv des
öst. Widerstands (www.doew.at)
Aus Mähren kam 1896 die Familie Kafka nach Wien. Hier hoffte der Vater Anton Kafka als Schuhmacher ausreichend Arbeit zu finden, um seine kinderreiche Familie ernähren zu können. Helene Kafka war als viertes von sieben Kindern am 1. Mai 1894 noch in Hussowitz (Husovice) bei Brünn zur Welt gekommen. In Wien-Brigittenau besuchte sie die Volksschule, dann die dreijährige Bürgerschule und später eine einjährige Haushaltungsschule. Zunächst verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Hausmädchen und als Verkäuferin in einer Tabaktrafik. Ab 1914 arbeitete sie als Hilfspflegerin im Krankenhaus Lainz und lernte dort die „Franziskanerinnen von der christlichen Liebe“, die in Wien das Hartmannspital führten, kennen und trat am 25. April 1914 gegen den Willen der Eltern in den Orden ein. Am 23. Oktober 1915 begann ihr Noviziat. Sie nahm den Ordensnamen Maria Restituta an. Ein Jahr später legte sie die einfache Profess ab, am 8. Juni 1923 ihre Ewige Profess, das Gelübde auf Lebenszeit.
Nach Zwischenstationen im Krankenhaus Neunkirchen und wieder im Krankenhaus Lainz begann sie im Mai 1919 ihre Arbeit als Krankenschwester im Krankenhaus Mödling. Sehr rasch wurde sie aufgrund ihres Einsatzes und ihrer Qualifikation zur leitenden Operationsschwester und Narkotiseurin. Im Kloster konnte sie ihr musisches Talent als Harmoniumspielerin und Chorleiterin ausleben. Ihr temperamentvolles Wesen und ihre schonungslose Ehrlichkeit machten ihr das Leben weder in der Klostergemeinschaft noch „an ihrem Arbeitsplatz leicht. Bald erhielt sie im Spital den Spitznamen „Schwester Resoluta“.
Die Machtübernahme durch die Nazi 1938 blieb nicht ohne Folgen für das Krankenhaus Mödling. Mit der Schaffung von Groß-Wien und der Eingemeindung von Mödling ging am  15. Oktober 1938 das Krankenhaus in das Eigentum und in die Verwaltung der Gemeinde Wien über. Der jüdische Chirurg wurde entlassen; an seine Stelle trat der minder qualifizierte SS-Arzt Dr. Lambert Stumfohl; damit waren Konfrontationen bereits vorprogrammiert. Ein weiterer Konflikt entzündete sich an den Kruzifixen in den Krankenzimmern, gegen deren Entfernung sich Sr. Maria Restituta stellte. Dies und zwei regimekritische Schriften, für deren Verbreitung Sr. Maria Restituta sorgte, wurden ihr zum Verhängnis.
Bei einem der Texte handelte es sich um das „Soldatenlied für ein glückliches Österreich“:

Erwacht, Soldaten, und seid bereit,
Gedenkt Eures ersten Eid(s).
Für das Land, in dem ihr gelebt und geboren,
Für Österreich habet ihr alle geschworen.
Das sieht ja schon heute jedes Kind,
Daß wir von den Preußen verraten sind.
Für die uralte heimische Tradition
Haben sie nichts als Spott und Hohn.
Den altösterreichischen General
Kommandiert ein Gefreiter von dazumal.
Und der österreichische Rekrut
Ist für sie nur als Kanonenfutter gut.
Zum Beschimpfen und Leuteschinden
Mögen sie andere Opfer finden.
Mit ihrem großen preußischen Maul
Sind sie uns herabzusetzen nicht faul.
Dafür haben sie bis auf den letzten Rest
Die Ostmarkzitrone ausgepreßt.
Unser Gold und Kunstschätze schleppten sie gleich
In ihr abgewirtschaftetes Nazireich.
Unser Fleisch, Obst, Milch und Butter
Waren für sie ein willkommenes Futter.
Sie befreiten uns, und ehe man's glaubt
Hatten sie uns gänzlich ausgeraubt.
Selbst den ruhmvollen Namen stahl uns die Brut,
Und jetzt wollen sie auch noch unser Blut.
Der Bruder Schnürschuh ist nicht so dumm,
Gebt acht, er dreht die Gewehre um.
Der Tag der Vergeltung ist nicht mehr weit,
Soldaten, gedenkt eures ersten Eid(s).

Österreich!

Wir Österreicher, auf uns gestellt,
Hatten Frieden und Freundschaft mit aller Welt.
Die Welt vergiftet mit ihrem Haß,
Sie machen sich jedes Volk zum Feind,
Sie haben die Welt gegen sich vereint.
Die Mütter zittern, die Männer bangen,
Der Himmel ist schwarz mit Wolken verhangen.
Der schrecklichste Krieg, den die Menschheit gekannt,
Steht furchtbar vor unserem Heimatland.
Es droht uns Elend und Hungersnot,
Der Männer und Jünglinge Massentod.
Kameraden, trotzt dem verderblichen Wahn,
Was gehen uns die Händel der Preußen an.
Was haben uns die Völker getan?
Wir nehmen die Waffen nur in die Hand
Zum Kampf fürs freie Vaterland.
Gegen das braune Sklavenreich,
Für ein glückliches Österreich!


Eine Angestellte belauschte sie, als sie den Text einer anderen in die Schreibmaschine diktierte, und denunzierte sie bei Dr. Stumfohl. Dieser beschlagnahmte das Durchschlagpapier als Beweismittel und erstattete Anzeige. Am Aschermittwoch, den 18. Februar 1942, wurde sie im Operationssaal von der Gestapo verhaftet. In ihrem Besitz fand man noch die Flugschrift „Deutsche katholische Jugend“, die aus Protest gegen einen Übergriff anlässlich einer katholischen Jugendkundgebung in Freiburg im Breisgau abgefasst worden war. In den folgenden Verhören durch die Gestapo gab Sr. Maria Restituta keinen Namen preis. Sie schützte alle an den Vorgängen im Krankenhaus Beteiligten.
Über die Zeit ihrer Haft berichtete ihre Mitgefangene, die kommunistische Parteifunktionärin Anna Haider: „Sie hat geholfen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung, ob jemand katholisch war oder konfessionslos oder kommunistisch war oder sozialdemokratisch oder christlich-sozial, da hat sie weder gefragt, noch hatte es irgendeine Bedeutung für sie [...] Sie hat die Menschen sichtlich wirklich gerne gehabt.“
Obwohl man ihr weder die Verbreitung des Liedes oder des Flugblattes nachweisen konnte, eröffnete man im Herbst 1942 den Prozess wegen Hochverrat und Feindbegünstigung. Es war offensichtlich, dass das Regime an Sr. Maria Restituta ein Exempel statuieren wollte, dass sich gegen die katholische Kirche richtete und deren Proteste und Widerstand im Keim ersticken sollte. Am 29. Oktober 1942 wurde das Todesurteil verkündet: „Im Namen des Deutschen Volkes. In der Strafsache gegen die Ordensschwester und Operationsschwester am Städtischen Krankenhaus in Wien – Mödling Helene Kafka, Ordensname „Restituta“, aus Wien-Mödling, geboren am 1. Mai 1894 in Hussowitz bei Brünn (Mähren), zur Zeit in dieser Sache in gerichtlicher Untersuchungshaft, wegen Vorbereitung zum Hochverrat hat der Volksgerichtshof, 5. Senat, auf Grund der Hauptverhandlung vom 29. Oktober 1942, […] für Recht erkannt: Die Angeklagte Kafka wird wegen landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode und zum Ehrenrechtsverlust auf Lebenszeit verurteilt. […].“
Gnadengesuche, u.a. vom Wiener Kardinal Theodor Innitzer, blieben ohne Wirkung. Am 30. März 1943 wurde sie im Wiener Landesgericht durch Enthauptung hingerichtet. Ihr Leichnam wurde nicht der Ordensgemeinschaft übergeben, sondern anonym in der sog. 40er Gruppe des Wiener Zentralfriedhofs verscharrt.
Seinen Besuch in Wien nahm Papst Johannes II. zum Anlass, am 21. Juni 1998 ihre Seligsprechung zu verkünden. Sr. Maria Restituta ist die erste Märtyrerin der Erzdiözese Wien. Ihr liturgischer Gedenktag ist der 29. Oktober.
Text: Dr. Elisabeth Vavra

Quellen: 
Helene Maimann, Schwester Restituta. Versuch über eine Unbequeme. In: Helmut Konrad, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Arbeiterbewegung. Faschismus. Nationalbewußtsein. Wien-München-Zürich 1983, 201–212.
Werner Kunzenmann, Sr. Maria Restituta Kafka. Märtyrin aus dem Widerstand. Dokumentation. Innsbruck 1998.
http://www.widerstand-christlicher-frauen.de/biografien/kafka_restituta.htm (aufgerufen 29.4.2014).

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