Frauenportrait #18

© NÖ Museum Betriebs GmbH

 #18 Elfriede Mejchar

Elfriede Mejchar, 1958 © Archiv Mejchar
Kindheit
Elfriede Mejchar wurde am 10. Mai 1924 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien geboren. Nach einem Jahr übersiedelte sie mit ihrer Mutter Rosa Jähnl nach Ruprechtshofen bei Melk. In Melk lebten die Großeltern von Elfriede Mejchar; ihr Großvater Wilhelm Jähnl, der 1905 nur 52-jährig verstarb, war Primarius am 1899 neu gebauten Krankenhaus; auch ihre Mutter wurde in Melk geboren. Elfriede Mejchar wuchs bis zum Ende der 2. Volksschulklasse in Ruprechtshofen auf und beendet die Volskschule 1934 in St. Leonhard am Forst.
Da aus ökonomischen Gründen ihr Wunsch, die Schule der „Englischen Fräulein“ in St. Pölten zu besuchen, nicht möglich war, kam Elfriede Mejchar im Herbst 1934 intern zu den katholischen „Schulschwestern“, einer Ordensschule mit Mädchenpensionat, nach Haindorf bei Langenlois. Auf Grund des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland musste das Institut im Herbst 1938 geschlossen werden, sodass Elfriede Mejchar auf Drängen ihrer Mutter die „Wirtschaftschule“ (heute „Handelsschule“) in St. Pölten absolvieren musste. Nach wenigen Monaten verweigerte Elfriede Mejchar die Schule und zog ihrer Mutter nach Nordenham in Norddeutschland nach, wo infolge der nationalsozialistischen Arbeitspolitik deren Mann Karl Berger hinbeordert wurde. Dort besuchte sie in Brake bei Nordenham die Oberschule, die sie am 1. 6. 1940 mit „Mittlerer Reife“ abschloss.

Landesmuseum Niederösterreich, Foto © Helmut Lackinger
Jugend und Beginn der photographischen Laufbahn
Nach dem Schulabschluss arbeitete sie kurze Zeit als Büromitarbeiterin im Flugzeugwerk Nordenham („Weser-Flugzeugbau“, wo auch ihr Stiefvater beschäftigt war und die JU52 produziert wurde), da ihr Wunsch, Photographin zu werden („Ich wollte ein Handwerk lernen.“) mangels einer Lehrstelle nicht sofort realisiert werden konnte.
Dieser Wunsch wurzelt wohl bei ihrer Tante Lotte Jähnl, die Sekretärin in der Direktion der „Österreichischen Galerie“ im Belvedere war und leidenschaftlich gerne photographierte, wenn sie zu Besuch zu Elfriede Mejchar nach Ruprechtshofen bzw. St. Leonhard kam. „Die Photographie war also immer existent in meinem Leben, daher war es nahe liegend, dass ich Photographin werden wollte“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihr großer Wunsch war, nach München zu gehen, wo es damals die beste Photoschule im deutschsprachigen Raum gab, da sie die beste Ausbildung absolvieren wollte, aber auch dies war aus ökonomischen Gründen nicht möglich.
Mit 7. April 1941 war es soweit: Elfriede Mejchar begann ihre Photographielehre im kleinen Photostudio Ernst Ley in Nordenham, die sie am 15.April 1944 mit der offiziellen GesellInnenprüfung in Oldenburg abschloss (und im Mai 1960 bei der Sektion Gewerbe der Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Wien mit der Meisterprüfung Photographie als externe Absolventin der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt Wien beendete). Die dabei zu absolvierende Aufgabe war ein Portrait zu realisieren, sowohl im Profil als auch en face. Es galt zu zeigen, dass man in Bezug auf Licht- und Personengestaltung direkt vor der Kommission die Photographie technisch beherrschte.

Landesmuseum Niederösterreich, Foto © Helmut Lackinger
Rückkehr nach Wien – Die ersten Arbeiten für das Bundesdenkmalamt (BDA)
Im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen 1944 zog Elfriede Mejchar mit ihrer Mutter noch im Juni zurück nach Wien. Diese nahm rasch Kontakt zur „Österreichischen Galerie im Belvedere“ auf, da sie durch ihre Schwester Lotte sowohl den damaligen Direktor Grimschitz als auch Eva Frodl kannte, welche die Photoabteilung des „Instituts für Denkmalpflege“, wie das BDA während der nationalsozialistischen Zeit hieß, leitete.
Am 19. Juni 1944 erhielt Elfriede Mejchar erstmals eine Anstellung am BDA und wurde beauftragt, u. a. in St. Pölten historische Architektur zu photographieren, um so im Falle möglicher Bombenschäden Dokumentationsmaterial zu haben; dabei wurde sie für kurzfristig wegen Spionageverdacht von Nationalsozialisten in Verwahrungshaft genommen. Eine Woche lang war sie auch in Bad Aussee im Salzbergwerk, um die von den Nationalsozialisten dort gehorteten Kunstwerke zu dokumentieren.
Wie für so viele andere war auch für Elfriede Mejchar das Kriegsende turbulent. Mehrmals war sie in St. Pölten und lebte auch für kurze Zeit 1945 in Anreith im Dunkelsteiner Wald, wo sie das unmittelbare Kriegsende erlebte. Im September 1945 holte sie ihre Mutter wieder nach Nordenham.1946 wurden sie als Ausländer aus Deutschland ausgewiesen und kehrten zunächst nach Melk, dann nach Markersdorf zurück. 1947 übersiedelte Elfriede Mejchar nach Wien.

Ein photographisches Leben für das Bundesdenkmalamt
Elfriede Mejchar war ab dem 15.Oktober. 1947 bis zur ihrer Pensionierung am 30. September 1984 im Bundesdenkmalamt als vertragsbedienstete Photographin tätig. Ihr Arbeitsbereich umfasste dabei laut Dienstvertrag
„…die gesamte fotografische Dokumentation der Restaurierungen von Kunstwerken in den Werkstätten des Bundesdenkmalamtes, wobei neben den normalen auch fotografische Spezialverfahren (Infrarot-, Ultraviolett- und Fluoreszensfotografie) zur Anwendung gelangen.“
Weiteres oblag ihr „…die Herstellung der Bildvorlagen für die kunstwissenschaftlichen Publikationen des Bundesdenkmalamtes, vor allem für die Österreichische Kunsttopographie. In diesem Aufgabenbereich müssen neben der Landschafts- und Architekturfotografie auch zahlreiche Sachgebiete der technischen Fotografie, wie das fachgemäße Aufnehmen von Skulpturen, Bildern, Textilien und Goldschmiedearbeiten beherrscht werden.“
Ihre umfangreiche, vielfältige und auch körperlich höchst herausfordernde beruflich-photographische Tätigkeit führte sie dabei über Jahrzehnte fast durch ganz Österreich, insbesondere nach Vorarlberg, Tirol, Kärnten, Steiermark und Oberösterreich. Ihre Arbeit ist durch einen hohen bildphotographischen Qualitätsanspruch gekennzeichnet, auf den immer wieder auch explizit bei den kunsttopographischen Publikationen des BDA hingewiesen wird.

Industriearchäologische Dokumentationen
In den 1970er Jahren lernte der Architekt Manfred Wehdorn, der Doyen der österreichischen Industriearchäologie Elfriede Mejchar im BDA kennen und beauftragte sie Anfang der 1980er Jahre mit umfangreichen industriearchäologischen Dokumentationen. Anders als im BDA, wo es exakte photographische Vorgaben bezüglich der Art und Weise der Aufnahmen gab, konnte Elfriede Mejchar jetzt viel freier nach ihren Vorstellungen die photographische Dokumentation gestalten (Wehdorn listete lediglich die zu dokumentierenden Objekte auf, alles weitere überließ er ihr). Hilfreich war dabei das Faktum, dass Elfriede Mejchar selbst genuines Interesse an diesen Thema hatte, wie ihre freie photographische Arbeit über die Simmeringer Heide und der Erdberger Mais in Wien in den 1960er Jahren eindrucksvoll zeigt.


Landesmuseum Niederösterreich, Foto © Helmut Lackinger
Freie photographische Werke
Elfriede Mejchar zählt nicht nur im Bereich der kunsttopographischen und industriearchäologischen Dokumentation zu den bedeutendsten Photographinnen Österreichs, sondern auch im Hinblick auf ihre außerordentlich vielgestaltige freie, also auftragsungebundenen photographischen Arbeiten, die bereits in den 1950er Jahren begann (u.a. mit dem bemerkenswerten Projekt „Künstler bei der Arbeit“); zahlreiche Ausstellungen, Ausstellungsbeteiligungen, Publikationen sowie herausragende Ehrungen und Preise – u. a. erhielt sie 2002 den Würdigungspreis für künstlerische Photographie des Bundeskanzleramtes, Kunstsektion, 2004 den Preis der Stadt Wien für bildende Kunst sowie ebenfalls 2004 den Würdigungspreis für Photographie des Landes Niederösterreich für Medienkunst – zeigen eindrucksvoll den Rang des photographischen Oeuvres von Elfriede Mejchar.

Text: Carl Aigner

Werkschau im Landesmuseum Niederösterreich:
http://www.landesmuseum.net/de/ausstellungen/sonderausstellungen/elfriede-mejchar/elfriede-mejchar
18.05.-12.10.2014




AKTIVPROGRAMM #3



Fotolabor © B. Gramm

Passend zum Thema Fotografie findet im Landesmuseum am Dienstag, 24. Juni ab 16Uhr das dritte Aktivprogramm mit Kulturvermittlerin Barbara Wippl statt.

Bei diesem Workshop werden die Prinzipien analoger Fotografie erläutert, um selbst in der Dunkelkammer eigene fotografische Experimente anzustellen. Ob mit Belichtung, der Mischung von Chemikalien oder dem Variieren von Gegenständen auf dem Fotopapier. Der inspirative Zugang und das freie Gestalten beim Ausarbeiten des Fotogramms stehen dabei im Vordergrund.

Infos unter:
http://www.landesmuseum.net/de/kalender/aktivprogramm2
oder:
https://www.facebook.com/events/1463252770563617/
 



TIPP!
Elfriede Mejchar ist Mitglied bei FLUSS – NÖ INITIATIVE FÜR FOTO- UND MEDIENKUNST. FLUSS wurde 1989 von Heinz Cibulka und Helmut Kandl (vorm. Schäffer) als gemeinnütziger Verein gegründet; die nun etwa sechzig Vereinsmitglieder sind Foto- und MedienkünstlerInnen, FotografInnen und KunstvermittlerInnen, denen die gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit Fotografie und Neuen Medien ein Anliegen ist.
http://www.fotofluss.at/index.php

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