Die fossile Leidenschaft

© Sonja Raab
Es beginnt mit einem Stein. Einem schönen Stein. Und dann stellt man fest, der Stein hat nicht nur ein selten schönes Muster, sondern er war einmal ein Lebewesen. Und dieses Lebewesen lebte vor vielleicht 150-250 Millionen Jahren. Und nun hält man dieses viele Millionen Jahre alte Lebewesen in der Hand und bestaunt es und es wird einem bewusst, dass es diese ganze unvorstellbar lange Zeit im Bachbett gelegen ist und niemand hat es bemerkt – vielleicht hat es einmal jemand entdeckt und hat es wieder zurück in den Fluss geworfen. Seinen Wert nicht erkannt. Man denkt darüber nach, was dieser Stein wohl schon alles gesehen und erlebt hat. Wie er vom Berg herunter kollerte, im Bachbett durch Unwetter und Hochwasser dahin rumpelte, wie seine Kanten abgerundet wurden, Stücke von ihm abgebrochen sind. Wie er trockene Zeiten und nasse Zeiten überstand, die Jahreszeiten, die Monate, Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende…

Nur ein Augenzwinkern im Leben des Steines 

Ein Brett dient als Arbeitsfläche, die
Arbeit mit dem Winkelschleifer erfordert
Kraft und viel Aufmerskamkeit.
Auf jeden Fall entscheidet man sich dazu, dieses versteinerte Stück Lebewesen mit nach Hause zu nehmen und dort liegt es dann viele Jahre in einem Regal herum und verstaubt. Diese Jahre sind nicht einmal ein Augenzwinkern für das Leben dieses Steines. Und irgendwann, nach vielen Jahren lernt man jemanden kennen, der Steine schleift. Es fällt einem ein, dass man zu Hause ja noch immer diesen Stein rumliegen hat und man sucht ihn und bringt ihn zum Steinschleifer und bittet ihn darum, diesen kleinen Schatz zu schleifen. Irgendwie ist er ja doch was Besonderes, er stammt vielleicht aus der Heimat, ist mit Erinnerungen verknüpft.

Nach einigen Wochen kommt man wieder zum Steinschleifer und man bekommt ein wunderschön glänzendes, farbenprächtiges, versteinertes Lebewesen zurück und kann kaum glauben, dass das einmal dieser Stein war, dessen „Leben“ man zuvor kaum gesehen hatte. Und man hat keine Ahnung, wie viel Material und Zeit und Geduld dieser Steinschleifer aufgewendet hat, um einem diesen Stein zu schleifen.
Im trockenen Zustand war der Stein grau. Zu Hause hat man ihn mal unter die Wasserleitung gehalten und da war er rot. Aber immer wenn er wieder trocknete, war er wieder grau. Das also ist der Grund, warum man Steine schleifen und polieren muss. Damit der Stein die Farbe behält. Und damit er glänzt und seine ganze Schönheit zeigen kann.

Der erste selbst gefundene Ammonit, den ich mit viel
Hilfe eines guten Freundes bearbeiten durfte.

Geheimniskrämerei und Langsamkeit

So stellt man sich bestimmt keinen Fossiliensammler vor.
Mit Schnorchel und Taucherbrille den Grund des Flusses
nach Versteinerungen absuchen.
Man beginnt sich damit zu befassen, woher der Stein eigentlich kommt und was das genau für ein Lebewesen eigentlich war. Man googelt und fragt den Steinschleifer und der erzählt einem vielleicht, wo man solche Ammoniten oder Korallen oder versteinerte Muscheln noch findet. Nicht jeder verrät seine Plätze, denn es gibt leider auch viele Ammonitenjäger die ganz unverliebt einfach nur auf Profit aus sind und dabei alles mit Hammer und Meißel zerklopfen was ihnen in den Weg kommt. Und dann findet man in den Bachbetten nur noch Bruchstücke und Spuren der Verwüstung. Genau deswegen gibt es in vielen Teilen des Mostviertels auch hohe Strafen für Menschen die in Bachbetten nach Steinen suchen. Nicht überall ist das erlaubt.
Die Funde werden am Badetuch gesammelt.

Auch die Beschaffung des Werkzeuges, wenn man selbst Steine schleifen will ist ein Hürdenlauf der bei mir persönlich ein ganzes Jahr lang gedauert hat. Kein Steinschleifer verrät gerne, wo man das Werkzeug bekommt. Schnell stellt man fest, dass die üblichen Baumärkte kaum etwas zu bieten haben. Man braucht Steinmetzfreunde. Ganz dringend. Und Firmen, die nicht nur Großbestellungen für Baumärkte aufnehmen, sondern auch kleinere Mengen an Private verschicken.
Winkelschleifer mit niedrigeren Umdrehungen als die Üblichen, Polierscheiben, Schleifscheiben, die Diamantenen, nicht die für Metall oder Holz, die man in den Märkten bekommt.  Aufsätze, Lederschurz, Mundschutz gegen den feinen Steinstaub, Ohrenschutz gegen den Lärm, einen Ort der dann dreckig werden darf, viel Geduld und nochmal viel Geduld. Und Nachbarn, die den Lärm akzeptieren oder am besten gar keine Nachbarn.

Steine sind langsame Gesellen. Die lassen sich nicht in ein paar Minuten schleifen. Sie lehren einen die Langsamkeit.  An einem faustgroßen Stein schleift man schon mal 4 Stunden bis er so richtig schön glänzt. Und verkaufen will man ihn dann gar nicht mehr, weil niemand diesen ganzen Hintergrund bezahlen kann. Das Suchen und Finden und aus dem Muttergestein brechen und schleifen und polieren erfordert so viel Hingabe und Leidenschaft, dass man so einen Stein dann nicht um 40 Euro verkaufen will.
Deswegen bekommen nur liebe Freunde und Verwandte zu Geburtstagen oder anderen besonderen Anlässen Steine von mir geschenkt.

Vom Wetter abhängig

Da man wegen dem feinen Steinstaub nicht in einer Werkstatt schleifen kann, ist man auf einen Platz im Freien und auf gutes Wetter angewiesen.Im Winter ist also eine Zwangspause angesagt. Steine suchen macht dagegen an Regentagen Sinn, weil man sie im nassen Zustand eben besser erkennen kann. Man braucht einen Blick für Ammoniten und andere Versteinerungen. Oft habe ich Fossilien bei Freunden bewundert, die ich im Rohzustand niemals gefunden hätte, weil ich sie einfach nicht erkannt hätte.


Versteinerte Koralle
Mittlerweile habe ich durch meine Beschäftigung mit Fossilien zwei liebe Freunde gefunden, die ich jederzeit aufsuchen kann, wenn ich Hilfe brauche. Dann wird gefachsimpelt, die neuesten Funde werden bestaunt, es wird verglichen und Wissen weiter gegeben. Sie zeigen mir, wie ich in den Stein schneiden muss, damit ich den Ammoniten nicht zerstöre, geben mir Tipps, woher ich Werkzeug bekomme.  Das ist dann eine besondere Zeit und besonderes Wissen, das gut gehütet sein will und nur an wenige Menschen weiter gegeben wird, weil man das Besondere an der Steinschleiferei weitergeben möchte. Es sollte nicht um Geld gehen, sondern um die Hingabe und die Liebe und die Beziehung zu diesen besonderen Überbleibseln aus der Urzeit.






Text und Bilder: Sonja Raab





TIPP:  Das Objekt des Monats September im Foyer Landesmuseum zeigt einige Fundstücke.




Text und Bilder: Sonja Raab

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