Kleines Tier mit großem Verbreitungsgebiet


Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige heimische Schildkrötenart – und zugleich der einzige Vertreter der Schildkröten in Mittel- und Nordeuropa. Außer in weiten Teilen Europas findet man sie auch in Nordafrika sowie in Asien bis zum Aralsee. In diesem enorm großen Verbreitungsgebiet kommt sie mit insgesamt 14 Unterarten vor, die sich in Aussehen und Größe geringfügig voneinander unterscheiden. Die österreichische Population wird der Nominatform (also der Unterart Emys orbicularis orbicularis) zugeordnet. Sie ist in unserem Bundesgebiet allerdings nicht häufig. Generell existieren im nördlichen Zentraleuropa und im Alpenraum große Verbreitungslücken. In Österreich werden nur die Vorkommen in den March- und Donauauen östlich von Wien als autochton eingestuft. Das bedeutet: Nur dort kann das Auftreten der Sumpfschildkröte als natürlich bezeichnet werden. Die Tiere leben seit langem und ohne menschliche Eingriffe in diesem Gebiet, weshalb diese Populationen auch ganz besonders wertvoll sind. Alle anderen österreichischen Vorkommen gehen auf Aussetzungen gebietsfremder Exemplare durch den Menschen zurück.

Unscheinbar und schwer zu entdecken

Die Europäische Sumpfschildkröte ist eine kleine bis mittelgroße Schildkröte. Für gewöhnlich erreichen erwachsene Tiere eine Panzerlänge von knapp 20 Zentimetern. Die Weibchen sind deutlich größer und mit einem Gewicht von etwa einem Kilogramm auch schwerer als die Männchen. Der Rückenpanzer ist oval und nur mäßig gewölbt (bei den Weibchen etwas stärker als bei den Männchen). Genau wie die Haut ist er dunkelbraun bis schwarz gefärbt. Auf Panzer und Haut lässt sich außerdem eine unterschiedlich große Zahl von kleinen, gelben Tupfen und Sprenkeln erkennen. Diesen verdankt die Europäische Sumpfschildkröte ihren wissenschaftliche Artnamen Emys orbicularis (lat. orbicularis = „kreisrund"; d.h. mit kleinen Kreisen). Die Färbung des Bauchpanzers ist sehr variabel und reicht von gelb bis schwarz. Während die Haut von Hals und Kopf glatt ist, sind die Gliedmaßen und der lange Schwanz von Schuppen bedeckt. Zwischen den mit Krallen versehenen Zehen – fünf an den Vorder- und vier an den Hinterbeinen – sind Schwimmhäute aufgespannt. Die Geschlechter lassen sich rein äußerlich gut voneinander unterscheiden. Während die Männchen eine orangerote Iris besitzen, sind die Augen der Weibchen gelb gefärbt. Allerdings sind Europäische Sumpfschildkröten für gewöhnlich nicht leicht zu entdecken. Nicht nur ihre Farbe ist wenig auffällig; die Tiere halten sich zudem bevorzugt am und im Wasser auf. Gelegentlich bekommt man Sumpfschildkröten jedoch zu Gesicht, wenn sie am Ufer oder auf einem im Wasser liegenden Baumstamm ein Sonnenbad nehmen.

 

Meist im Wasser, selten an Land

Man findet die Europäische Sumpfschildkröte an den verschiedensten Süßwasserlebensräumen: an Seen, Teichen und Tümpeln ebenso wie an den Altarmen größerer Flüsse. Besonders beliebt sind nährstoffreiche Gewässer mit dichtem Pflanzenbewuchs und schlammigem Grund. Den größten Teil des Tages verbringt die Sumpfschildkröte mit der Nahrungssuche im Wasser. Sie ist nicht wählerisch, was ihre Ernährung betrifft. Auf ihrem Speiseplan steht so ziemlich alles, was sie zu überwältigen vermag: Insekten, Würmer und Schnecken ebenso wie Amphibien und kleine Fische. Im Falle von Nahrungsknappheit werden auch Wasserpflanzen wie zum Beispiel verschiedene Algen oder Wasserlinsen verspeist. Gelegentlich gehen Sumpfschildkröten sogar an Land auf Nahrungssuche. Gefressen wird die Beute allerdings stets im Wasser, denn die Schildkröte kann an Land nicht schlucken. Während der kalten Jahreszeit fallen die Tiere in eine sogenannte Kältestarre. Meist verbringen sie den Winter unter Wasser, im Schlamm vergraben. (Dort überleben sie monatelang ohne einen einzigen Atemzug!) Seltener überwintern sie auch an frostfreien Stellen an Land.

Trockene Kinderstube

Die Paarung der Europäischen Sumpfschildkröte findet bevorzugt im Wasser statt. In unseren Breiten folgt die Paarungszeit unmittelbar auf die Winterruhe. Die Eiablage kann man dann zwischen Ende Mai und Anfang Juli beobachten. Dazu begeben sich die Weibchen an Land; oft legen sie auf der Suche nach einem geeigneten Platz beachtliche Strecken zurück. Warme, sonnenbeschienene Hänge, Böschungen und Waldränder werden als Eiablageplätze bevorzugt. Die Tiere graben mit den Hinterbeinen eine etwa faustgroße Grube in den trockenen, sandigen Grund. Ist der Boden zu hart, weichen Sumpfschildkröten ihn mit Wasser auf, das sie extra zu diesem Zweck in ihrer Harnblase transportieren. Ist die Mulde fertig, werden etwa zehn bis fünfzehn Eier abgelegt. Danach wird das Nest sorgfältig wieder verschlossen. Die Entwicklung der Jungen hängt nun von der Umgebungstemperatur ab und dauert zwischen 80 und 120 Tagen. Irgendwann zwischen Spätsommer und Herbst schlüpfen die jungen Sumpfschildkröten. Sie verlassen dann das Nest und suchen umgehend das nächstgelegene Gewässer auf. Bisweilen überwintern sie aber auch in der Nisthöhle. Bis sie selbst geschlechtsreif werden und sich fortpflanzen, vergehen viele Jahre (im Durchschnitt rund zehn!). Europäische Sumpfschildkröten können ein stattliches Alter von bis zu 60 Jahren erreichen.

Baby Schildkröte
Foto: Andreas Giesswein

Lebensraumverlust und unerwünschte Neuzugänge

Die Europäische Sumpfschildkröte hat zahlreiche Feinde. Ihre Gelege werden häufig von Mardern, Füchsen, Dachsen oder Wildschweinen geplündert. Schlüpflinge und Jungtiere fallen Greifvögeln, aber auch Katzen und Hunden zum Opfer. Im Wasser sind es dann Raubfische wie Hecht und Wels, die den jungen Schildkröten gefährlich werden können. Dies ist jedoch nicht der Grund, warum die Bestände der Sumpfschildkröte in jüngster Vergangenheit stark abgenommen haben. Das besorgniserregende Schwinden der Populationen liegt vielmehr an den massiven, durch den Menschen herbeigeführten Veränderungen. Anders als früher werden die Tiere heute zwar nicht mehr direkt verfolgt. (Einst waren Sumpfschildkröten nämlich eine begehrte Fastenspeise; sie wurden in großen Mengen gefangen und verzehrt.) Heute leiden sie massiv unter dem Verlust von geeignetem Lebensraum. Dazu kommt die Bedrohung durch eingeschleppte, gebietsfremde Arten: Importierte Schmuckschildkröten zum Beispiel sind vergleichsweise konkurrenzstark und setzen sich gegen die heimischen Sumpfschildkröten im Kampf um Nahrung und Sonnenplätze durch. Nicht verwunderlich also, dass die Europäische Sumpfschildkröte auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Österreichs mittlerweile unter der Kategorie „vom Aussterben bedroht“ geführt wird. Schutzprojekte wie etwa im Nationalpark Donauauen sind für den Erhalt unserer einzigen heimischen Schildkrötenart daher von größter Wichtigkeit.

Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

 

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