Bader, Medicus, Primar #9

© NÖ Museum Betriebs GmbH, Foto: Helmut Lackinger

Letzte Hoffnung - Eiserne Lunge

Zunächst trat der Virus nur vereinzelt auf: Der schottische Dichter Sir Walter Scott war eines der ersten namentlich bekannten Opfer der neuen Krankheit, der man den Namen „Kinderlähmung“ gab, da meist nur Kinder oder Jugendliche ihr zum Opfer fielen. Scott war zwei Jahre alt, als er 1773 daran erkrankte. Zurück blieb ein gelähmtes Bein. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich der Virus alle  fünf bis sechs Jahren – meist zur Sommerszeit – epidemisch in Europa und Nordamerika aus. 1914 starben allein in den USA 27.000 Menschen an Polio.
 

Die Krankheit Poliomyelitis beginnt wie eine Grippe mit hohem Fieber und Kopfschmerzen; dann setzt Nackensteifigkeit ein. In diesem Stadium entscheidet sich das weitere Schicksal der Erkrankten. Sind die körpereigenen Abwehrreaktionen zu schwach, greift der Poliovirus die Nervenbahnen an, die für die Muskelsteuerung zuständig sind. Es kommt zu unterschiedlich starken Lähmungserscheinungen. Je nach Schwere des Falles kann auch das die Atmung steuernde Zwerchfell davon betroffen sein. Die Erkrankten sterben eines qualvollen Erstickungstodes. 
Ausstellungsansicht "Bader, Medicus, Primar" mit
Eiserner Lunge, Foto: H. Lackinger
Bis 1928 gab es in einem solchen Fall keine Hilfe. Wie so oft bei Erfindungen kam der Zufall zur Hilfe. Um 1920 beauftragte die New Yorker Gas- und Elektrizitätsgesellschaft den Ingenieur Philip Drinker, der an der Medizinischen Fakultät der Harvard Universität in Boston arbeitete, mit der Entwicklung eines Gerätes zur Behandlung von Opfern einer Gasvergiftung oder eines Stromschlages. Drinker entwickelte ein Gerät, das den Patienten/die Patientin mittels Aufbau eines Unter- bzw. Überdruckes beatmete. Der Körper liegt in einem Hohlzylinder, aus dem nur der Kopf herausragt. Um den Hals liegt ein luftdichter Verschluss. Das Gerät erzeugt einen Unterdruck. Dabei drückt der Umgebungsdruck Außenluft durch Nase und Mund des Patienten in den Lungen. Die Ausatmung erfolgt durch den Aufbau eines Überdrucks in der Kammer. Mit Über- und Unterdruck wird die Lungenfunktion erhalten. Drinker testete das Gerät 1928 im Selbstversuch. Er begann zwar zu hyperventilieren, aber das System funktionierte. Kurz danach wurde ein Mädchen mit schwerer Kinderlähmung in die Klinik eingeliefert. Es lag bereits im Koma. Nach zwei Minuten in der Druckkammer kam es wieder zu sich. Im Mai 1929 wurde die Behandlungsmethode in der medizinischen Fachpresse veröffentlicht und nach Anmeldung des Patents im September der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Journalisten tauften die Druckkammer „Eiserne Lunge“.
Eiserne Lunge und Gynäkologen-Stuhl, Foto: A. Giesswein
In der Folge rettete die Beatmungsmaschine tausenden an Polio Erkrankten das Leben. 1931, als wie-der eine schwere Polioepidemie die Vereinigen Staaten heimsuchte, gingen die Eisernen Lungen in Massenproduktion. Es entstanden riesige Beatmungszentren. Eiserne Lungen füllten während der Epidemien ganze Turnhallen. Manche mussten nur in der kritischen Phase in die eiserne Röhre; andere blieben Monate, Jahre, ja manchmal ihr ganzes Leben in dem eisernen Sarg. Einen traurigen Rekord stellte die Australierin June Middleton auf, die wenige Tage vor ihrer Hochzeit 1949 an Kinderlähmung erkrankte. Sie verbrachte 60 Jahre in der Eisernen Lunge und starb am 30. Oktober 2009 im Alter von 83 Jahren.
1948 konnte man den Poliovirus isolieren. 1954 gelang dem US-amerikanischen Immunologen Jonas Salk die Entwicklung eines Impfstoffes mit abgetöteten Viren, der noch injiziert werden musste. In den 60er Jahren entwickelte der US-amerikanische Virologe Albert Sabin einen Lebendimpfstoff, der als Schluckimpfung verabreicht werden konnte, was die Anwendung erleichterte. Die Kinderlähmung ist allerdings noch immer nicht ausgerottet; in den Entwicklungsländern existierten noch vereinzelt kleine Virusherde.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

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