Bader, Medicus, Primar #12

© IMAREAL

Dr. Schnabel“ geht um …

Der Ausbruch der Pest 1347 standen Behörden wie Mediziner hilflos gegenüber. Ein Gefühl der Ohnmacht verbreitete sich in den Städten. Eine anschauliche Schilderung dieser Stimmung vermittelt uns Giovanni Boccacio in seinem „Decamerone“, dessen Rahmenhandlung im Florenz zur Zeit der Pest 1348/49 spielt:

„Zur Heilung dieser Krankheit schien weder der Rat eines Arztes noch irgendeine Arznei etwas zu vermögen oder von Vorteil zu sein; ob es nun die Natur der Seuche nicht zuließ, oder ob die Ärzte, deren Zahl außer den studierten Leuten ebenso durch Frauen wie durch Männer, die nie einen Unterricht in der Arzneikunst gehabt hatten, übermäßig groß geworden war - in ihrer Unwissenheit nicht erkannt, woher sie rühre, und folglich nicht die richtigen Mittel anwandten, jedenfalls genasen nur sehr wenige, während schier alle binnen drei Tagen, der eine rasche, der andere langsamer und die meisten ohne irgendein Fieber oder einen sonstigen äußeren Anlass starben.“

 
Darstellung von Pesttoten auf einem Freskofragment
Hans Stocinger, 1407 Terlan, Pfarrkirche (© IMAREAL)

An allen Universitäten befassten sich gelehrte Mediziner mit den Ursachen für den Ausbruch der Seuche und mit Möglichkeiten der Bekämpfung. Im Auftrag des französischen Königs verfasste die medizinische Fakultät der Universität zu Paris ein Pestgutachten, in dem sie zu dem Schluss kam, dass eine kosmische Konstellation - also eine besondere Stellung der Planeten zueinander - an dem Ausbruch der Seuche schuld sei. Die Konjunktion von Saturn, Mars und Jupiter hätte zu einem Übermaß an heißen Kräften geführt, dadurch wäre das Wasser auf Erden stärker als üblich verdampft und üble Dämpfe wären so entstanden. Diese Theorie basiert auf einer seit der Antike verbreiteten Vorstellung vom Miasma, der verdorbenen Luft, die vom Menschen eingeatmet wird und so zum Auslöser von Krankheitsprozessen im Körper wird. Um sich vor Ansteckung zu schützen, empfahlen die Mediziner in erster Linie diätische Maßnahmen - und rieten zur Flucht aus den betroffenen Städten. Wer dennoch bleiben musste, sollte sich durch das Verbrennen bestimmter Kräutermischungen in Räucherpfannen, durch das Tragen von Riechäpfeln und durch die Einnahme von Theriak schützen. Theriak war ein seit der Antike bekannte Mixtur, die als Allheilmittel galt. Rezepte für deren Herstellung wurden noch im 19. Jahrhundert verbreitet, wie etwa im 1882 veröffentlichen „Deutschen Arzneibuch“: Die Inhaltsstoffe waren in dieser Rezeptur: 1 Teil Opium,         3 Teile spanischen Wein, 6 Teile Angelikawurzel, 4 Teile Rad. Serpentariae (Wurzel der Virginenhohlwurzel, Aristolochia serpentariae), 2 Teile Baldrianwurzel, 2 Teile Meerzwiebel, 2 Teile Zitwerwurzel, 9 Teile Zimt, 1 Teil Grüner Kardamom, 1 Teil Myrrhe, 1 Teil Eisenvitriol und 72 Teile Honig. In früheren Jahrhunderten fanden sich noch andere Substanzen im Theriak wie etwa Schlangengifte.
 

Von dem sterben oder pestilentz dieseer welt
Holzschnitt aus Franciscus Petrarcha, Von der Artzney
bayder Glück, des guten vnd widerwertigen,
gedruckt bei Heinrich Steiner, 1532 (© IMAREAL)

Die Bekämpfung der Pest öffnete nicht nur akademischen Medizinern eine reich sprudelnde Einnahmequelle; Einblattdrucke und populärmedizinische Traktatchen ließen die Kassa der Buchdrucker klingeln. Die Mittel gegen die Pest, die sie anpriesen, waren mehr als fragwürdig. Ähnlich obskur erscheinen uns heute aber auch die Anweisungen, die von medizinischen Autoritäten ihren Zunftgenossen gegeben wurden: Die Ärzte verordneten ihren pestkranken Patienten Aderlass und Klistiere, beides sollte den Körper reinigen. Mit Brenneisen und Messer mussten die Bader unter der Aufsicht der Ärzte die Pestbeulen öffnen. Die akademischen Ärzte beschränkten sich auf Harnschau, Pulsmessen und die Beobachtung des Kranken. Es gab auch genaue Anweisungen, wie sich die Ärzte beim Hausbesuch verhalten sollten: Zunächst mussten im Krankenzimmer alle Fenster und Türen geöffnet werden, damit die krankmachende Luft entweichen konnte. Der Arzt sollte weder den Kranken noch das Bett oder die Bettwäsche berühren. Die Harnschau sollte er besser im Freien vornehmen und dabei Handschuhe tragen. Um das Einatmen des Pesthauches zu vermeiden, sollte er sich zumindest einen mit Essig und pulverisierten Gewürznelken getränkten Schwamm vor Nase und Mund halten.
 

Bisamäpfel trug man als Anhänger an Gürteln
oder an Rosenkränzen. Hier hat ein geistlicher
Stifter seinen Rosenkranz mit Bisamapfel auf
dem Betpult abgelegt. Salzburg, um 1510.
Salzburg, St. Peter, Stiftsgalerie (© IMAREAL)
In der frühen Neuzeit wurde die Schutzbekleidung der Ärzte weiter perfektioniert. Die Ärzte - „Dr. Schnabel“ nach ihrem Mundschutz genannt - trugen nun ein langes Gewand aus undurchlässigem Stoff oder Leder, dazu Handschuhe und Hut. Ein Stab in der Hand zeichnete sie als Pestarzt aus. Vor dem Gesicht trugen sie eine Schnabelmaske, in die Riechstoffe als Filter eingefüllt wurden. Vor den Augen trug man Gläser aus Kristall, da man die Ansteckung durch Blickkontakt fürchtete.
 

Der Großteil der Bevölkerung konnte sich im Krankheitsfall keinen „Bucharzt“ leisten. Das Volk schöpfte für die Vorbeugung und Behandlung der Pest aus dem reichen Schatz der Volksmedizin und des Aberglaubens. Mit Amuletten versuchte man sich vor der Ansteckung zu schützen. War die Krankheit bereits ausgebrochen, so räucherte man das Haus mit Wacholder, Enzian oder Eberwurz. Man reichte schweißtreibende Substanzen aus Bibernelle und Pestwurz. Zeigen sich die Pestbeulen, dann legte man Frösche auf diese, um sie günstig zu beeinflussen. Auch zum Baldrian griff man, um die Pestdämonen abzuwehren.
Vielleicht noch größer als die demographischen Auswirkungen auf die Gesellschaft waren die psychologischen. Hand in Hand mit der Wirkungslosigkeit der medizinischen Betreuung ging eine Zerrüttung der Gesellschaft einher; alle Regeln, die zuvor das Zusammenleben der Menschen bestimmt hatten, traten außer Kraft: Verwandte verweigerten die Pflege; Pesthäuser wurden geplündert; Tote ohne Glockengeläut und Leichenzug in Massengräbern verscharrt. Wer es sich leisten konnte, floh aus den betroffenen Orten. Wer blieb, betäubte sich und versuchte die vielleicht letzten Stunden seines Lebens exzessiv zu genießen. So berichtet ein Chronist von der Pest in Genf im Jahre 1530:




Pestwurz, Kupferstich aus Wolf Helmhardt von Hohberg,
Georgica curiosa aucta, Auflage von 1716
St. Pölten, NÖ Landesbibliothek  (© IMAREAL)

Unterdessen die Pest wütete, sah ich, wie vor mir mindestens sieben oder acht Körper abtransportiert wurden. Aber hätten Sie die Mädchen gesehen! Sie tanzten zu den Virelais (= mittelalterliches Tanz- und Liebeslied) und sangen Fastnachtslieder. Eine von ihnen wurde von Fieberschauern so geschüttelt, dass es sie zu Boden streckte, man musste sie nach Hause tragen, ohne dass die anderen ihren Tanz auch nur unterbrochen hätten.

Welche Mittel die Obrigkeit in der frühen Neuzeit einsetzte, um Pestepidemien zu verhindern, davon lesen Sie im nächsten Blog.
   
Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

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