Bader, Medicus, Primar #11

© IMAREAL
„Beulen entwickeln sich an verschiedenen Körperstellen: an den Geschlechtsorgangen, bei manchen Betroffenen an den Oberschenkeln oder Armen und bei anderen am Hals. Zunächst sind diese etwa so groß wie eine Haselnuss, und der Patient wird von heftigen Fieberschauern erfasst, die ihn bald darauf so schwächen, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten kann und ans Bett gefesselt ist. Das zunehmende Fieber raubt ihm alle Kräfte und allen Lebensmut. Die Beulen wachsen auf die Größe einer Walnuss an und sind schließlich so groß wie ein Hühner oder Gänseei. Sie sind überaus schmerzhaft, verunreinigen die Körpersäfte und lassen den Patienten Blut spucken. Das Blut steigt von der befallenen Lunge in den Hals hinauf und die Fäulnis ergreift und zerstört den gesamten Körper. Drei Tage siecht der Patient dahin, spätestens am Viertel erliegt er der Erkrankung.“ 

Die Heiligen Sebastian, Rochus und Wolfgang
Steiermark, um 1480, Bad Aussee,
Spitalskirche © IMAREAL
So beschreibt 1347 der Franziskanermönch Michele da Piazza das Auftreten einer neuen Krankheit in Sizilien. Im Herbst 1347 hatten genuesische Schiffe den Pesterreger von der Krim nach Italien gebracht. Hilflos war man dieser Seuche ausgeliefert. Rasant breitete sie sich über Europa aus und dezimierte die Bevölkerung. Florenz - für das späte Mittelalter eine Großstadt mit ungefähr 100.000 Einwohnern - schrumpfte fast auf die Hälfte seiner Bewohner zusammen; ebenso widerfuhr es Venedig. Die sich ausbreitende Seuche gelangte auf dem Seeweg nach Westen und von dort in das nördliche Europa. Auf dem Landweg breitete sie sich über die Alpen Richtung Mitteleuropa aus. Allerdings hatte sie hier, wie neueste Forschungen zeigen, nicht so weit reichende Bevölkerungsverluste zur Folge. Nicht alle Gebiete wurden betroffen.  Schwerwiegender war der Umstand, dass es mit der ersten Pestwelle um 1347/1350 nicht getan war. In fast regelmäßiger Folge traten Epidemien auf. Die Freie Reichsstadt Nürnberg etwa, eine der bevölkerungsreichsten Städte und Handelsmetropole am Schnittpunkt wichtiger Verbindungsrouten, erlebte zwischen 1359 und 1543 fünfzehn Epidemien. Auch in anderen wichtigen Zentren wie Augsburg tauchte der Erreger in Abständen von zehn Jahren immer wieder auf und dezimierte die Bevölkerung. Ganz ähnlich erging es vielen Städten. 

Schutzmantelmadonna, Thomas von Villach, um 1460
Gerlamoos, Filialkirche St. Georg © IMAREAL
Das plötzliche Auftreten der Seuche und die kurze Dauer vom Ausbruch der Krankheit bis zum Tod versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Als die wahre Ursache der Seuche wurde der Zorn Gottes über die Sündhaftigkeit der Welt angesehen:
„Ihr müsst die Ursachen der Pest heilen, die da sind die abscheulichen Sünden, die begangen werden: Blasphemie gegen Gott und die Heiligen, die Schulen der Sodomie, die unerhörte Wucherei … Handelt, handelt, und ihr werdet mit der Pest fertig,“ so tönte es in den Kirchen von den Kanzeln. 


Pfeilmartyrium des heiligen Sebastian
Niederösterreich, um 1490
Stift Herzogenburg, Galerie © IMAREAL
Man suchte Zuflucht bei den Heiligen, gelobte Wallfahrten oder Prozessionen und hoffte, so von einer Ansteckung verschont zu bleiben oder zumindest die Ausbreitung einzudämmen. In der Mitte des 14. Jahrhunderts gab es aber noch keinen für die Pest „zuständigen“ Heiligen. So musste man passende finden. In der Ikonographie der Pest wurde die Seuche durch von Gott verschossene Pfeile visualisiert. Als Schutzheiliger bot sich einer an, der ein Pfeilmartyrium überlebt hatte: Die Wahl fiel daher auf den heiligen Sebastian. Der heilige Sebastian kam angeblich in Narbonne zur Welt. Er wuchs in Mailand als Christ am Ende des 3. Jahrhunderts auf. Als Kommandant der kaiserlichen Leibgarde in Rom versuchte er, seinen in Gefangenschaft geratenen Glaubensbrüdern und -schwestern zu helfen. Das erweckte das Misstrauen des Kaisers. Sebastian wurde vom Dienst suspendiert und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung sollte mit Pfeilen erfolgen. Man band ihn an einen Baum und beschoss ihn mit Pfeilen. Sebastian überlebte und eine fromme Witwe namens Irene pflegte ihn gesund. Sebastian trat dann wieder in der Öffentlichkeit auf; der Kaiser ließ ihn abermals verhaften und erschlagen. Den Leichnam warf man in die cloaca maxima. Seiner Hilfe gegen die Pest wurde die Stadt Rom erstmals im 7. Jahrhundert  während der ersten großen Pestepidemie in Europa teilhaftig. In feierlicher Prozession trug man damals die Reliquien des Heiligen rund um die Stadt und durch die Gassen - und siehe, die Pest erlosch. Was lag näher, als sich beim Ausbrechen der Seuche im 14. Jahrhundert wieder an diesen Heiligen zu erinnern. Hilfe erhoffte man sich natürlich auf von Maria. Oft sind es Darstellungen der sog. Schutzmantelmaria, die an diese ihre Funktion erinnern. Der Mantel, unter dem die Christenheit, vertreten durch Repräsentanten aller Stände, Zuflucht finden, wehrt die Pestpfeile ab, die Gottvater oder Christus erzürnt vom Himmel auf die Menschheit schleudern.

Der heilige Rochus erkrankt an der Pest
Nürnberg, um 1480
Nürnberg, St. Lorenz © IMAREAL
Ein dritter im Bunde ist der heilige Rochus, der selbst als Pestkranker dargestellt wird. Er wurde um 1295 in Montpellier in Südfrankreich geboren. Zunächst studierte er Medizin, dann aber verschenkte er seinen Besitz an die Armen und begab sich auf Pilgerschaft. Auf seiner ersten Reise gelangte er nach Rom, pflegte dort Pestkranke und heilte sie. Auf der Rückreise in seine Heimat erkrankte er selbst in Piacenza an Pest. Dem Tode nahe retteten ihn ein Engel, der ihm Mut zusprach, und ein Hund, der ihn mit Brot versorgte. Als er endlich seine Heimatstadt erreichte, erkannte ihn dort niemand; man verdächtigte ihn, ein Spion zu sein und warf ihn in den Kerker, wo er im Alter von 32 Jahren verstarb. 1485 gelangten seine Reliquien nach Venedig, in eine Stadt, die besonders durch die wiederholten Pestepidemien im Spätmittelalter zu leiden hatte. Seit 1520 befinden sie sich in der Kirche der Erzbruderschaft San Rocco. 1576 wurde Rochus neben Markus zum zweiten Schutzpatron der Stadt. 
Aber nicht nur das Spätmittelalter kannte die Pest. Zu weiteren schweren Epidemien kam es in den 70er und 80er Jahren des 17. Jahrhunderts und dann noch einmal zu Beginn des 18. Jahrhunderts zwischen 1708 und 1714. Zeugen dieser letzten beiden Epidemien sind die zahlreichen Pestsäulen, die zum Dank für das Erlöschen der Seuche gestiftet wurden.
Welche Maßnahmen man aus medizinischer Sicht gegen die Pest empfahl und welche Schritte die Obrigkeit unternahm, um die Ausbreitung einzudämmen, davon lesen Sie im kommenden Blog.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

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