Der Seidenschwanz

© NÖ Museum Betriebs GmbH, Fotos: https://pixabay.com

Die stillste Zeit im Jahr dauert an, auch die vogelkundliche Entdeckerfreude betreffend. Am Vogelhäuschen finden sich nur die wenigen, bekannten Arten ein. Zu einem morgendlichen Konzert lässt sich in diesen Wochen keiner hinreißen. Bei Frost und Eis läuft das Leben eben auf Sparflamme.

Umso mehr Aufmerksamkeit erregt da das Auftauchen von seltenen Gästen. Nicht einzeln, sondern gleich in kleinen Trupps oder ganzen Schwärmen sind sie plötzlich da. Mit ihrer Federhaube unverkennbar, mit ihrer Färbung überaus hübsch: die Seidenschwänze.

Winterwanderung auf Beerensuche

Ihre eigentliche Heimat ist der hohe Norden. Dort in der Taiga oder vielleicht etwas südlich davon, überwintern sie in der Regel auch. Finden sie aber keine Beeren mehr, weil einfach ein schlechtes Erntejahr war oder zu viele Schnäbel Ernte halten, müssen sie ausweichen. Und dann ziehen sie nach Süden und kommen auch nach Niederösterreich. In sogenannten Invasionsjahren sind es Tausende.

Bei uns bevölkern sie an Waldrändern oder Gärten, Sträucher oder Bäume mit Früchten und Beeren. Zwar haben sie eine Vorliebe für Mistel- und Vogelbeeren, nehmen aber auch die Früchte vieler anderer Büsche und Bäume dankbar an.

Gefahrenquelle Alkohol

In wenigen Stunden können sie eine Menge fressen, die ihrem Körpergewicht entspricht (ca. 50 – 60 g). Eine relativ große Leber hilft beim Abbau von Alkohol, in bereits vergorenen Früchten. Allerdings gelingt das nicht immer schnell genug. Und dann kann es passieren, dass ein ganzes Kollektiv von alkoholisierten Seidenschwänzen an einer Fensterscheibe verunglückt.

Brandstifter und PestbringerSeidenschwanz bei der Beerensuche

Heute freuen wir uns im abwechslungsarmen Winter über die nördlichen Gäste, in vergangenen Jahrhunderten müssen sie Angst und Schrecken verbreitet haben.

Die roten Hornplättchen in den Schwingen, die gelbe Binde am Ende der Schwanzfedern brachte sie in den Verdacht von Zündlern und Brandstiftern. Möglicherweise wurde auch die auffällige Federhaube als brennende Flamme gedeutet.

Nach dem römischen Gelehrten Plinius soll der „Funkenvogel“ Glut von Opferherden und Altären weggetragen und so Hausdächer angezünden. Vom Brand ist schnell die Verbindung zu Krieg und Elend hergestellt. Als „Pestdrossel“ oder „Sterbevögeli“ war der Seidenschwanz Vorbote von Krieg, Pest und Tod. 1618, als der 30jährige Krieg begann, war ein belegtes Invasionsjahr des Seidenschwanzes. Und auch im Herbst 1913 fanden sich diese Vögel in Mitteleuropa ein.

Besucher über alle Grenzen hinweg

Heute sind wir über diese Form von Aberglauben erhaben. Für welche Symbolik würde sich der Seidenschwanz heute anbieten? Als Element der Vielfalt Europas über alle Grenzen hinweg? Als Besucher auf Zeit, der zu uns kommt, um überleben zu können? 

Oder doch etwas anderes?


Quellen:
• MEURER Hans, RICHARZ Klaus (2005) Von Werwölfen und Vampiren. Tiere zwischen Mythos und Wirklichkeit. pp. 115 - 120. Franckh-Kosmos Verlag: Stuttgart.
• http://www.donauauen.at/nature/fauna/birds/seidenschwanz/1331 (abgerufen am 22.01.2017)
• LIMBRUNNER Alfred, BEZZEL Einhard, RICHARZ Klaus, SINGER Detlef (2001) Enzyklopädie der Brutvögel Europas Bd. 2: pp.152 - 153. Franckh - Kosmos Verlag: Stuttgart.

Text: Mag. Norbert Ruckenbauer

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