Kriegsschauplatz NÖ #5

© NÖ Museum Betriebs GmbH, Foto: Gerald Lechner

Die letzten Tage: 4. April – 10. April 1945

Mittwoch, 4. April 1945

Das frühlingshafte Wetter endete abrupt durch einen Kaltlufteinbruch aus Nordwest. Starke Niederschläge setzten ein. In höheren Lagen fiel Schnee.
Rund um Höflein, Hollern, Prellenkirchen, Rohrau und Wilfleinsdorf tobten ab dem Morgen Kämpfe zwischen der sowjetischen 46. Schützenarmee und dem 2. SS-Panzerkorps; sie dauerten bis in die Abendstunden. Um jedes Haus, jeden Quadratmeter Boden wurde gekämpft. Währenddessen rückten die 4. und 9. Garde-Armee von Süden Richtung Wien vor. Ein Augenzeuge aus Götzendorf

berichtete: „Um 5 Uhr morgens kamen entlang der Leitha die ersten russischen Truppen, junge SS-Leute verteidigten den Anmarschweg und griffen über freies Gelände aus Richtung Ebergassing an. Es waren so viele, dass das ganze Gelände zu leben schien. Russische Panzer kamen aus Richtung Mannersdorf, Trautmannsdorf, ihnen entstiegen Frauen in Uniform …“.
Das Kriegsgefangenenlager in Kaisersteinbruch war schon am Ostersonntag geräumt worden; an die 14.000 waren Richtung Oberösterreich in Marsch gesetzt worden; nur 1.000 Kranke und 20 Mann Bewachung blieben zurück. Vor den Tieffliegerangriffen der Sowjetbomber suchte nun die Zivilbevölkerung Schutz in der Anlage im Steinbruch. Auch im Mödlinger Bezirk tobten die Kämpfe. Brücken über den Wiener Neustädter Kanal wurden gesprengt. Gumpoldskirchen lag unter Artilleriefeuer. In Hinterbrühl starben 53 Zivilpersonen. Auch durch den Wienerwald zog sich die Front. Russische Truppen drangen ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen ins Tal der Schwechat vor und besetzten Heiligenkreuz. Heinz von Gyldenfeldt, Generalstabschef der Heeresgruppe Süd, vermerkte am Abend lakonisch in seinem Tagebuch: „Es glückt dem Gegner, aus der Gegend Wiener Neustadt durch den Wienerwald in Richtung Tulln vorzustoßen.“  

    
Donnerstag, 5. April 1945

Morgens lag südlich der Donau nur mehr ein kampffähiger deutscher Verband bei Bruck an der Leitha. Alle anderen Armeeeinheiten waren aufgerieben. Die 3. Ukrainische Front verfügte dagegen über drei Armeen und wurde durch Nachschub an Mann und Material laufend verstärkt. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung wurde um jede Gemeinde, jeden kleinen Weiler gerungen. Heiß umkämpft war Hainburg: Bomber unterstützten die Bodentruppen. 18 Objekte wurden total zerstört, 50 stark, 170 leicht beschädigt. Deutsche Truppenteile auf dem Rückzug sprengten alle militärische

Einblick in die Ausstellung Kriegsschauplatz NÖ, Foto: Weitzenböck
Einrichtungen in der Stadt, das Magazin der Tabakfabrik und schließlich die Straßenbrücke nach Deutsch-Altenburg. Das bereits von den Sowjets besetzte Haslau wurde von deutschen Fliegern bombardiert. Gleiches geschah auch in Maria-Ellend, Petronell, Pischelsdorf und Scharnstein. Auch im nördlichen Wiener Becken und am Abhang des Wienerwaldes zeichnete sich ein ähnliches Bild ab: Maria-Enzersdorf, Sparbach und Weißenbach fielen kampflos. In Gießhübl gab es Tote unter der Zivilbevölkerung. Bei Biedermannsdorf wurde der Bahndamm der Aspangbahn gesprengt. In Laxenburg, das dreimal die Besetzer wechselte, kamen insgesamt 200 sowjetische und deutsche Soldaten ums Leben. Sowjetische Truppen drangen Richtung Tullnerfeld vor. Am Wechsel und am Semmering sowie vor der Hohen Wand hatten sich Einheiten im Stellungskrieg vergraben.
Eintrag im Tagebuch Gyldenfeldts: „Durch den russischen Vorstoß aus Richtung Wiener Neustadt auf Tulln kommt unser Oberkommando in Mauerbach in Platznot; wir machen an St. Pölten vorbei Stellungswechsel nach Sankt Leonhard [= am Forst].“


Freitag, 6. April 1945

Der Ring um Wien zog sich immer enger zusammen. Die Sowjettruppen waren in ihrem Vormarsch nicht aufzuhalten – trotz Bombenabwürfen deutscher Flieger, die in erster Linie die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft zogen, trotz des Widerstandes von Gendarmerie und Volkssturmmännern. Die versprengten deutschen Wehrmachtseinheiten zogen sich zur Verteidigung der Gauhauptstadt Richtung Wien zurück. Östlich von Wien erreichten die Sowjets Schwechat und nahmen es kampflos ein. Brücken wurden gesprengt, Bahnhofsanlagen in Brand gesteckt. Nach dreitägigen Kämpfen war auch bei Bruck und Bruckneudorf der Widerstand des deutschen Panzerkorps gebrochen. Die Orte hatten schweren Schaden erlitten. Brücken, Wasserkraftwerke und Getreidespeicher wurden von der abziehenden Waffen-SS gesprengt.
Tolbuchin erhielt den Befehl, die 46. Armee auf das linke Donauufer zu verlegen, um Wien nördlich zu umgehen.
Einblick in die Ausstellung Kriegsschauplatz NÖ, Foto: Lechner
Aus St. Leonhard am Forst, wo der Heeresgruppenstab lag, wurde nach Berlin berichtet (in Auszügen): „Die Lage an der March ist sehr kritisch. abberufene Einheiten kommen viel zu spät. – Die Heeresgruppe hat sich in den gestrigen Nachmittagsstunden 80 km nach hinten abgesetzt. Keiner der Herren des Stabes glaubt, dass der Vorstoß in das Erdölgebiet aufgefangen werden kann, Ich muss festhalten, dass die Herren auch an unseren Sieg nicht mehr glauben. – Die feindliche Artillerie beschießt von Stellungen südlich Wien einen Teil der Stadt. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist geblieben, weil die Verkehrsverbindungen nach dem Westen und Nordwesten unterbrochen oder durch rückflutende Wehrmachtseinheiten und ungarische Trecks verstopft sind. – Wenn nicht sofort neue Einheiten in den Raum Niederdonau geworfen werden, ist in den nächsten Tagen unausbleiblich, dass das gesamte Industriegebiet des Wiener Beckens und ein Großteil Niederdonaus verlorengehen …“.
Marschall Tolbuchin rief die Bevölkerung Wiens zur Mithilfe auf: „Bürger Wiens! Helft der roten Armee bei der Befreiung Eurer Stadt und nehmt an der Befreiung Österreichs vom deutsch-faschistischen Joch teil!“


Samstag, 7. April 1945

Das Wetter blieb kalt, unfreundlich – graue Regenschleier verhüllten gnädig die Zerstörungen des Krieges. Morgens traf in St. Leonhard am Forst ein Führerbefehl ein: Das Erdölgebiet sollte möglichst lang geschützt werden, um die Produktion in Betrieb zu halten.
Währenddessen dehnten die Sowjets ihr Operationsgebiet im Tullnerfeld immer weiter aus: Baumgarten, Katzeldsdorf, Röhrenbach, Wipfing und Wolfpassing fielen ohne Widerstand. Deutsche Tiefflieger bombardierten einzelne sowjetische Panzereinheiten. Am Fliegerhorst Langenlebarn sprengten SS-Einheiten die Hallen und Wohngebäude. Deutsche und sowjetische Artillerie feuerten aufeinander über die Donau.
In Kaltenleutgeben war der Kampf nach vier Tagen endlich zu Ende. Aber an der Wienerwaldfront bei Großau und Raisenmarkt gingen die Kämpfe weiter. 17 Häuser und neun Scheunen wurden niedergebrannt. In Wien war die „Führer“-Panzerdivision eingetroffen, die die Stadt verteidigen sollte. Zwei Brücken über den Donaukanal und die südlichste Donaubrücke wurde gesprengt, um die Rote Armee am Übersetzen zu hindern. Die ersten Sowjetpanzer tauchten im Wiental und beim Lainzer Tiergarten auf. 

 
Sonntag, 8. April 1945

Rotarmisten drangen weiter nach Wien vor, marschierten in die südlichen Bezirke ein, besetzten Liesing, Simmering und Favoriten. Erst auf der Höhe des Gürtels stießen sie auf Widerstand. Ihre Artilleriestellungen beschossen die inneren Bezirke, erste Einschläge wurden in der Inneren Stadt verzeichnet. Die Wienerinnen und Wiener hatten sich in den Luftschutzkellern verkrochen – vorher hatten sie noch weiße Fahnen aus den Fenstern gehängt.
Einblick in die Ausstellung Kriegsschauplatz NÖ, Foto: Weitzenböck
In der Nacht zuvor war Generaloberst Lothar Rendulic als neuer Oberbefehlshaber eingetroffen. Sein erster Befehl war der Abzug der „Führer“-Panzerdivision aus Wien und deren Verlegung auf das linke Donauufer. Ein Kampf um Wien erschien sinnlos, da die Rote Armee unaufhaltsam auch vom Tullnerfeld aus vordrang.
Es galt nun wenigstens Donau und March zu halten. Durch das Wiental kommend erreichten sowjetische Einheiten Hütteldorf und den Westbahnhof. Zu Mittag rollten die ersten Panzer über den Kahlenberg, am Nachmittag standen sie in Heiligenstadt. Deutsche Artillerie nahmen sie vom nördlichen Donauufer aus unter Beschuss. Immer wieder flogen deutsche Flieger Angriffe; sehr oft trafen sie zivile Einrichtungen, so wurden in Ried am Riederberg 14 Häuser zerstört. Noch war Tulln nicht gefallen. Die Kämpfe um den Brückenkopf Tulln dauerten bis in die Abendstunden an. Dann ließ der deutsche Kampfkommandant den bereits mittags erhaltenen Führerbefehl ausführen: Die Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Donau wurden gesprengt. Tulln hatte bis zu diesem Zeitpunkt bereits sechs schwere Fliegerangriffe durch US-Bomber erlebt: Diese hatten 91 Tote gefordert, 41 Häuser zerstört, 87 schwer und 350 leicht beschädigt.
Die Heeresgruppe erhielt abends aus Berlin den Befehl, mit Angriffen vom Semmering und durch Nebenangriffe von St. Pölten und westlich von Wien  aus den Fall Wiens zu stoppen.
Gyldenfeldt notierte in seinem Tagebuch: „Dies ist völliger Wahnsinn, denn 1. werden alle Kräfte dringend anderswo benötigt, 2. ist nicht berücksichtigt, wie sich die Feindlage bis zum möglichen Angriffsbeginn entwickelt, und 3. ist nunmehr – wo das Ende des Krieges so deutlich abzusehen ist – ein solcher Angriff, der starke Verluste mit sich bringen muss, überhaupt abzulehnen.“


Montag, 9. April 1945

Der Kampf um und in Wien ging weiter. Häuserblock um Häuserblock wurden von der Roten Armee unter dem Schutz von Panzerverbänden durchsucht und gesäubert. Einzelne Brücken im Stadtgebiet wurden gesprengt.
Auch im Marchfeld ging der Vormarsch der Sowjetarmee weiter. Die Donauflottille hatte den Großteil der 46. Armee – 72.000 Mann und 567 Geschütze – auf das Nordufer der Donau übergesetzt. Die im Marchfeld stationierte 8. Armee sowie die aus Wien abgezogene Panzerdivision leisteten erbitterten Widerstand, kämpften um jeden Ort, aber sie mussten immer mehr dem Druck
Einblick in die Ausstellung Kriegsschauplatz NÖ, Foto: Lechner
der Roten Armee nachgeben. Im Tullnerfeld erfolgten Stellungskämpfe. Die Deutsche Wehrmacht räumte Abstetten, Michelhausen, Rust und Zwentendorf. Radio Moskau berichtete: „Bei vernichtenden Verfolgungen der deutsch-faschistischen Streitkräfte ist die Rote Armee in Österreich eingedrungen und hat Wien eingekreist.
Zum Unterschied von der Bevölkerung in Deutschland widersetzen sich die Österreicher jeder von deutschen Behörden geforderten Evakuierung und erwarten an Ort und Stelle freudig die Rote Armee als Befreierin vom Joche Hitlers. Die Sowjetregierung beabsichtigt nicht, irgendeinen Teil des österreichischen Territoriums zu okkupieren oder die soziale Struktur Österreichs zu verändern.“
Das Oberkommando der deutschen Wehrmacht veröffentlichte abends den geschönten Bericht: „Das Schwergewicht der Kämpfe liegt weiter im Wiener Raum. Starke Angriffe aus dem Wiener Wald nach Westen und Norden scheiterten unter Abschuss von 35 Panzern an dem hartnäckigen Widerstand unserer Verbände. Im Süd- und Westteil von Wien stehen unsere Truppen in schweren Kämpfen. Versuche des Feindes, seine Brückenköpfe über die March zu erweitern, blieben allgemein erfolglos.

Dienstag, 10. April 1945

Die Lage in Wien war hoffnungslos. Die deutschen Kampftruppen, die die Rote Armee am Gürtel aufhalten sollten, erhielten endlich den Befehl zum Rückzug auf die Linie Donaukanal. Aber auch diese Linie war eigentlich schon längst nicht mehr in deutscher Hand. Sie bestand nur mehr aus getrennt agierenden kleinen Trüppchen. Bis zum Abend hatten die Sowjets die Innere Stadt eingenommen. Im 2. Bezirk brannte der Prater.
Währenddessen zerbrach auch im Marchfeld die deutsche Verteidigungslinie. Auf dem Rückzug sprengte die Wehrmacht nahezu alle Straßenbrücken, um den Vormarsch der Sowjets zu erschweren. Im Tullnerfeld bombardierten deutsche Flieger weiter den sowjetischen Nachschub, dabei kamen in Königstetten zehn Zivilisten ums Leben. Auch im Bezirk St. Pölten dauerten die Kämpfe an: Deutsche Infanterie, unterstützt von Fliegern, leisteten Widerstand. Es wurde um jeden Ort gekämpft. Die Waffen-SS sprengte die große Tullnbrücke. Schließlich zwangen sowjetische Fallschirmjäger die Deutschen zum Rückzug. Im westlichen Niederösterreich löste der Zusammenbruch der Front Panik unter der Bevölkerung aus. In der „Donauwacht“, dem Mitteilungsblatt des Kreises Krems der NSDAP, erschien „zur Beruhigung“ ein Bericht, über die „Erfolge“ des Volkssturms, der nun zum Retter stilisiert wurde: „Das Alarmbataillon Krems des Volkssturms hat in seinem Einsatz in den letzten Tagen den Feind zwei Tage und zwei Nächte aufgehalten und bewiesen, dass der Feind geschlagen werden kann, wenn nur das Herz am rechten Fleck ist.“
Abends erhielt die Heeresgruppe vom Oberkommando der Wehrmacht den Befehl, die Reichsbrücke zu sprengen; der Einbau der dazu nötigen Sprengstoffladungen war aber aufgrund des Sperrfeuers der sowjetischen Maschinengewehren nicht mehr möglich.
Text: Dr. Elisabeth Vavra
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945, Wien 1969

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