Kriegsschauplatz NÖ #8

© Gedenkstein auf dem Kriegergrab vor der Pfarrkirche in Rabensburg, © Elisabeth Vavra

Die letzten Tage: 18. April – 24. April 1945

Mittwoch, 18. April 1945

In der Nacht auf Mittwoch gab es einen Warmlufteinbruch: Tagsüber stiegen die Temperaturen bis gegen 16 Grad. Allerdings brachte die Westströmung Wolken und Regen mit.

Im Marchfeld und im Weinviertel ging die Schlacht weiter. An den Flanken – im Osten bei Rabensburg und im Westen bei Korneuburg – war der Widerstand ungebrochen, in der Mitte der Front gelang der Roten Armee ein tiefer Durchbruch. Nach 5tägigem Kampf fiel Korneuburg endgültig in die Hände der Roten Armee. Unter den Straßen- und Häuserkämpfen und den unterstützenden Luftangriffen hatte die Zivilbevölkerung schwer gelitten: 117 Zivilisten waren getötet worden. Auch in Mistelbach tobten Straßenkämpfe. Altlichtenwarth fiel zunächst kampflos in die Hände der Roten Armee, wurde dann wieder von SS-Einheiten unter heftigen Kämpfen rückerobert – 50 Gebäude wurden total zerstört, 40 schwer beschädigt. In Rabensburg starben 13 Zivilisten, 65 Objekte zerstört, Brücken gesprengt. Im Raum St. Pölten gelang es der Roten Armee endlich Wilhelmsburg endgültig zu erobern. Im Gölsental wurde ein zäher Kleinkampf um jede Ansiedlung geführt, unterstützt durch wiederholte Fliegerangriffe. 

Am Abend meldete das Oberkommando der Wehrmacht wie immer einen geschönten Bericht der Ereignisse des Tages: „Im ostmärkischen Grenzgebiet wurden beiderseits Fürstenfeld, südöstlich Mürzzuschlag und bei St. Pölten wiederholte Angriffe der Bolschewisten abgewiesen, verlorengegangene Abschnitte zum Teil durch Gegenangriffe zurückgewonnen. Westlich der March vereitelten unsere Truppen nächtliche Durchbruchsversuche des Gegners bei Mistelbach und Zistersdorf.

Donnerstag, 19. April 1945

Wieder zeigte sich der April von seiner besten Seite: Sonnenschein und angenehme 18 Grad bestimmten das Wetter, das in krassem Gegensatz zur Situation in den Kampfgebieten stand.
Im Weinviertel eroberte die Rote Armee im Lauf des Tages zehn weitere Orte, um die schon seit Tagen gekämpft wurde: u. a. Asparn an der Zaya, Eibesthal, Siebenhirten, Ulrichskirchen, Altmanns, Frättingdorf. In Wilfersdorf waren die Auswirkungen der Kämpfe besonders verheerend: nach dreitägigem Artilleriebeschuss war ein Drittel des Ortes zerstört. Fast alle Brücken in der Region waren unpassierbar. Im Bezirk St. Pölten ging es in erster Linie um Frontverbesserungen. Die Sowjets nahmen Michelbach, St. Christophen, Stössing und Brand-Laaben ein. Das Laaben-Tal war 14 Tage lang Frontbereich gewesen und unter schwerem Artilleriefeuer gelegen. Dementsprechend schwer waren die Zerstörungen. Sogar das Schutzhaus am Schöpfl wurde getroffen und brannte ab Die deutschen Einheiten zogen Richtung Gölsental ab.

Über die Stimmung in der Truppe schwieg natürlich die offizielle Berichterstattung; wie es um Moral und Einsatz tatsächlich stand, lässt sich aber aus einem Regimentsbefehl, der an diesem Tag veröffentlicht wurde, herauslesen: „Es ist leider Tatsache, daß die Haltung unseres jungen reichsdeutschen Nachwuchses, aber auch die mancher Älterer nicht mehr so ist, wie wir sie wünschen. Die Gründe hierfür sind bekannt. […] Es hat keinen Zweck, über Probleme der Zukunft zu grübeln; das belastet den einzelnen bloß, und gegenwärtige Stellungsprobleme werden dadurch nicht aus der Welt geschafft. Welche Auswirkungen die gewiß nicht schöne, aus dem täglichen Wehrmachtsbericht zu hörende allgemeine Lage auf die Front unseres Regiments haben wird, interessiert uns nicht. Wir haben nur eine Aufgabe: unsere Stellung zu halten; daß dies erfüllbar ist, haben wir bewiesen. Das muß jedem Soldaten eingetrichtert werden. Und über eines muß er sich noch im klaren sein: so gut wie hier beim Regiment und bei seiner bei seiner Kompagnie hat er nirgends mehr; hier hat er eine festgefügte Kameradschaft, hier hat er ein Daheim.“ 

Freitag, 20. April 1945

Während in Deutschland seit Tagen die Schlacht um Berlin geschlagen wurde, konzentrierte sich an diesem Tag der Kampf in Niederösterreich ganz auf das Marchfeld und das Weinviertel. Artillerie, Flieger und Panzer lieferten sich um jeden einzelnen Ort einen heftigen Kampf. Dabei wurden 36 Ortschaften von der Roten Armee erobert, manche nach tagelangen Kämpfen, so Ameis, Bullendorf und Ebersdorf an der Zaya. Fallbach etwa fiel nach 18 Tagen. Um Ungerndorf – eine Katastralgemeinde von Laa an der Thaya – und den nördlich davon gelegenen Flugplatz der Deutschen Armee tobte eine Panzerschlacht. Dabei wurden 23 sowjetische Panzer abgeschossen. Die im Marchfeld und im Weinviertel liegenden SS-Einheiten konnten an vielen Stellen den Druck der vorrückenden Roten Armee nicht länger standhalten. Sie wichen Richtung Norden zurück in der Absicht, an der Thaya eine neue Befestigungslinie aufzubauen, um das Vorrücken der Roten Armee Richtung Prag und damit Richtung Berlin zu verhindern.

In der sanften Hügellandschaft des Weinviertels rund um Zistersdorf tobten tagelang die Kämpfe um die letzten noch funktionsfähigen Erdölförderanlagen. © Elisabeth Vavra
Südlich der Donau verlief dieser Tag relativ ruhig. Heftig umkämpft war nur Traisen; mehr als 100 Rotarmisten fielen, 40 Wohnhäuser, die Kirche und die Schule wurden zerstört.          
Nach Berlin wurde abends mit eintägiger Verspätung gemeldet: „Feind nahm Brand-Laaben sowie Hainfeld und erreichte die Linie Schöpfl – Nordrand St. Veit – Schwarzenbach. Sonst südlich der Donau nicht Neues, auch an der Donau keine Veränderungen. Nördlich davon Vorstoß aus dem Raum Mistelbach nach Norden mit 60 Panzern, eigene Linie durchbrochen.“
Der abendliche Wehrmachtsbericht spielte die Situation herunter: „Im Süden der Ostfront gewannen Gegenangriffe südlich des Semmerings gegen zähen Widerstand weiteres Gelände zurück. Bolschewistische Angriffe südostwärts St. Pölten brachten dem Gegner nur geringe Geländegewinne.

Samstag, 21. April 1945

Der 21. April sollte der zweitwärmste des Monats werden. Die Temperaturen kletterten auf 21 Grad. Am Abend schlug das Wetter aber wieder um. Ein Kaltlufteinbruch brachte Niederschläge und einen Temperatursturz. Der Einsatz von Fliegern war dadurch behindert. Die Sowjets konnten aber immerhin in Niederösterreich Einsätze gegen Korneuburg, Mistelbach, Hollabrunn und südlich der Donau bis Melk und Amstetten fliegen.
Der Vormarsch der Roten Armee im Marchfeld und im Weinviertel ging unaufhaltsam weiter. In der hügeligen Region um den Buschberg stießen sie zwar auf Widerstand, der sie allerdings nicht lang aufhielt. Herrnbaumgarten und Katzelsdorf fielen nach vorangegangenen Fliegerangriffen kampflos in die Hände der Sowjets. Südlich der Donau blieb es verhältnismäßig ruhig. Die Kämpfe konzentrierten sich auf einzelne Orte etwa im Triesting-, Gölsen- und Traisental. In Kaumberg wurden bei Infanteriekämpfen 23 Häuser durch Brand zerstört, die Bahnanlagen wurden gesprengt.         
„Österreichische Zeitung“ vom 15. April 1945
© Elisabeth Vavra

In der seit dem 15. April 1945 von der 3. Ukrainischen Front der Roten Armee als „Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs“ herausgegebenen „Österreichischen Zeitung“ hieß es: „Die Befreiung Österreichs geht in mehreren Richtungen vor sich. Alle Versuche der Deutschen, sich in geeignetem Verteidigungsgelände festzuklammern scheitern immer wieder. Nach der Einnahme Wiens dringt die Rote Armee in Richtung Linz unaufhaltsam vor, schon sind Korneuburg, St. Pölten, Herzogenburg und eine große Zahl von Ortschaften genommen. Von besonderer Bedeutung ist die Einnahme von Zistersdorf, der letzten Reserve Deutschlands betreffs Ölversorgung. Ebenso unaufhaltsam ist der Vormarsch der roten Armee in Richtung Graz, Fürstenfeld ist schon gefallen; die Anmarschwege nach Graz sin bereits unter Kontrolle der Roten Armee.

Von 1945 bis 1955 gehörten die Erdöl- und Erdgasförderanlagen wie andere Schlüsselindustrie zu den USIA-Betrieben (Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich). Nach dem Abschluss des Staatsvertrages ging der Erdölkomplex in den Besitz der Republik Österreich über. Als Ablöse sollten 10 Mio. Tonnen Rohöl im Wert von rund 200 Millionen Dollar nach Russland geliefert werden. Die letzte Lieferung erfolgte 1963/64. Die Sowjetunion begnügte sich schließlich mit 6 Mio. Tonnen. © Elisabeth Vavra

Sonntag, 22. April 1945

Das Schlechtwetter hielt an. Die Niederschläge nahmen zu. Über 800 Meter fiel wieder Schnee. Der durch den starken Regen aufgeweichte Boden erschwerte besonders im Marchfeld den Angriff der Sowjets und der Rückzug der Deutschen Armee. Ort um Ort fiel in die Hände der Roten Armee: Altruppersdorf, Neudorf, Staatz, Gaubitsch, Loosdorf usw.; bereits am 19. und 20. April hatte ein sowjetischer Tieffliegerangriff  Zlabern und Wildendürnbach schwere Zerstörungen zugefügt. Dabei starb auch ein Kind. Kampflos fielen an diesem Sonntag Neuruppersdorf, Ottenthal, Schrattenberg, Steinebrunn, Drasenhofen usw. Die Front erreichte den Bezirk Hollabrunn: Die Kirche in Enzersdorf im Thale wurde bei den Kämpfen 54mal getroffen.
Südlich der Donau ging der Stellungskrieg in den Tälern weiter: Nach 14 Tagen wurde Altenmarkt an der Triesting von den Sowjets endlich besetzt. In Neuhaus, das in den letzten Tagen ständig seinen Besitzer gewechselt hatte, waren fast sämtliche Häuser zerstört. Thenneberg war nun von drei Seiten umzingelt. Ein ähnliches Los widerfuhr Eschenau, in einem Seitental der Traisen gelegen. Um das kleine Bauerndorf wurde drei Tage gekämpft: 19 Bauernhöfe brannten nieder.  
Im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht konnte man lesen: „Im Süden der Ostfront sind unsere Gegenangriffe südlich des Semmerings in gutem Fortschreiten. Die Bolschewisten versuchen, südöstlich St. Pölten vergeblich nach Süden Boden zu gewinnen.

Montag, 23. April 1945

Das Wetter blieb schlecht: Es war kalt, regnerisch und stürmisch. Selbst im Marchfeld lag die Wolkenuntergrenze bei 1200 Meter. Fliegereinsätze waren für beide Seiten nur in den Mittagsstunden möglich.
Die Fronten waren festgefahren. Langsam erlahmten auch die Kräfte der Roten Armee. Obergänserndorf, Kirchstetten und Michelstetten fielen – dann stand die Front still. Obergänserndorf war in den Tagen davor dreimal durch sowjetische Flieger angegriffen worden. 70 Objekte wurden von Brandbomben getroffen. Die Kämpfe um Michelstetten dauerten drei Tage, 70 Prozent der Häuser wurden dabei zerstört. Auch ein Kind starb im Bombenhagel.   
Auch südlich der Donau stagnierten die Kämpfe. Nur im Triestingtal blieb die Front in Bewegung. Hainfeld wurde endlich von der Roten Armee eingenommen: 62 Wohn- und Geschäftshäuser waren nur mehr Ruinen, ebenso 14 Bauernhäuser. Hainfeld war damit neben Wiener Neustadt prozentuell die schwerst betroffene Stadt Niederösterreichs. Manche Orte, wie Pottenstein, lagen seit Monatsbeginn im Frontverlauf. In Pottenstein fielen im wochenlangen Kampf 140 bis 150 deutsche Soldaten, 69 Zivilisten fanden den Tod. 50 Wohnhäuser, das Gerichtsgebäude und die Tuchfabrik brannten ab.
Im abends veröffentlichten Wehrmachtsbericht hieß es dann: „Im ostmärkischen Grenzgebiet gewannen unsere Gegenangriffe im Frontbogen südlich des Semmerings weiter Boden. Südöstlich St. Pölten drückte der Gegner vergeblich gegen denselben Abschnitt nach Süden. In den Kampfabschnitten nordwestlich Mistelbach scheiterten erneute Durchbruchsversuche der Bolschewisten nach harten Kämpfen.

Dienstag, 24. April 1945

Selbst in der Ebene wechselten Regen- mit Schneeschauern ab. Es blieb kalt und unwirtlich.
Noch in der Nacht hatte die Rote Armee Merkersdorf bei Ernstbrunn eingenommen. Ihr Ziel war Laa an der Thaya, das in den kommenden Tagen von der 8. Armee noch zäh verteidigt werden sollte.
Im Wienerwald und südlich davon zogen sich die deutschen Einheiten immer weiter zurück. Nach wochenlangen Kämpfen räumten sie Alland, das seit 6. April in der Kampfzone gelegen war: 41 Häuser, die Kirche und die Schule waren zerstört, die Brücken über die Schwechat gesprengt. Auch Weißenbach an der Triesting wurde geräumt. Die Rote Armee besetzte kampflos Miesenbach, Muggendorf und Waldegg.    
Abends hieß es dann im Wehrmachtsbericht: „Im Frontbogen südlich des Semmering warfen unsere Truppen die Sowjets noch weiter zurück und wiesen Angriffe bei Altenmarkt und Traisen ab. Zwischen Laa a. d. Thaya und Nikolsburg konnte der Feind keine nennenswerte Erfolge erzielen; in diesem Kampfabschnitt wurden 52 Panzer abgeschossen.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra, Kuratorin und Wissenschaftliche Leiterin Geschichte
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945. Wien 1969.

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