Kriegsschauplatz NÖ #7

© NÖ Museum Betriebs GmbH, Foto: Gerald Lechner

Die letzten Tage: 11. April – 17. April 1945

Mittwoch, 11. April 1945

In Wien brannten während der Nacht die Lagerhallen am Handelskai. Nebel, der über der Donau lag, und starker Qualm boten sechs sowjetischen Pionieren Schutz vor Entdeckung: Sie waren ausgeschickt, die Reichsbrücke nach Sprengladungen abzusuchen. Sie fanden keine vor. Im anbrechenden Morgen nahmen Landungstruppen der 80. Gardeschützen-Division die Brücke im Handstreich. Sowjetische Panzer stießen im Marchfeld unterstützt von motorisierter Infanterie nach Westen vor: Gänserndorf, Aderklaa fielen; Deutsch-Wagram wurde heftig umkämpft. Jedenspeigen wurde nach 4tägigem Gefecht besetzt: 35 Gebäude wurden zerstört, alle übrigen beschädigt. In Matzen tobten Infanterie- und Panzerkämpfe: 60 Gebäude wurden zur Gänze zerstört, 200 Häuser zum Teil schwer beschädigt. Immer wieder griffen in die Bodenkämpfe deutsche Flieger mit Bombenabwürfen ein, die Gebäude beschädigten und auch unter der Zivilbevölkerung Opfer forderten.
Südlich der Donau im Raum Tulln-St. Pölten verharrten die dort liegenden Truppen der Roten Armee in Wartestellung. Die aus Wien vertriebene deutsche Heeresgruppe Süd versuchte an der Traisen einen neuen Sperrriegel aufzubauen.
Der Wehrmachtsbericht meldete: „Zwischen Drau und Donau wurde der vorübergehend verlorengegangene Zusammenhang der Front wiederhergestellt. Die zäh kämpfende Besatzung von Wien wurde nach schwerem Ringen auf den Donaukanal zurückgedrückt. Im Donau-March-Winkel fingen unsere Truppen starke Angriffe auf.

Donnerstag, 12. April 1945

Da die Wetterlage sich noch immer nicht verbessert hatte, konnten die in Foggia stationierten US-Bomber Angriffe nur gegen Ziele südlich des Alpenhauptkamms fliegen. Die sowjetischen Luftstreitkräfte konzentrierten ihre Unterstützung der Bodentruppen auf das Marchfeld und südlich der Donau auf Herzogenburg und Wilhelmsburg.
Im Stadtbereich von Wien ging der Häuserkampf weiter. Ein Widerstandsnest nach dem anderen wurde aufgerieben bzw. ergab sich. Bis zum Abend waren die letzten deutschen Soldaten auf das nördliche Donauufer zurückgewichen. Als letzten Akt sprengten sie gegen Mitternacht die Floridsdorfer Brücke. 
In der Inneren Stadt spielte sich seit den Nachtstunden eine kulturelle Tragödie ab: Entweder durch deutsches Artilleriefeuer von Stellungen im Norden ausgelöst oder durch Brände, die Plünderer in der Nacht gelegt hatten,  war der Dachstuhl des Stephansdomes in Brand geraten. Der gesamte Dom brannte aus, die wertvolle Einrichtung wurde, soweit sie sich noch im Dom befand, zerstört, darunter des einzigartige Chorgestühl aus der Spätgotik. Am Nachmittag begann der Glockenstuhl des Hauptturms zu brennen. Um 14.30 Uhr stürzte die Pummerin ab und zersprang.
Im Marchfeld ging der Eroberungszug der Roten Armee weiter. Erbittert wurde um jeden Ort gekämpft. Je nach Widerstand wurden die Orte mehr oder minder stark beschädigt. Es gab  auch zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. In Klein-Harras etwa wurden durch den Einsatz von Panzern, Artillerie und Bombenangriffen 48 Gebäude zerstört, der Rest schwer beschädigt. Immer stärker wurde nun auch der Bezirk Mistelbach in Mitleidenschaft gezogen. Brücken wurden gesprengt. In Wolkersdorf, das schon zuvor schwere Bombenangriffe erlebt hatte, tobten die Straßenkämpfe von Mittag bis Mitternacht.   
Abends gab das Oberkommando der Wehrmacht bekannt: „Südlich des Wienerwaldes scheiterten Angriffe der Bolschewisten. In Wien dauern die erbitterten Kämpfe am Donaukanal an. Vier feindliche Kanonenboote wurden auf der Donau in Brand geschossen. Im Donau-March-Dreieck erzwang der Gegner eine Ausweitung seines Brückenkopfes nach Nordwesten.“



Einblick in die Ausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich

Freitag, 13. April 1945

Der 2. SS-Panzerkorps konnte die Verteidigungslinie am nördlichen Donauufer in Wien nicht länger halten. Sukzessive begann man mit der Räumung und setzte sich Richtung Korneuburg ab. Truppenteile der Roten Armee folgten auf den Fuß. Die in den Bezirken Gänserndorf und Mistelbach kämpfende 8. Armee erlitt ein ähnliches Schicksal. Die Sowjets drangen aus Richtung Matzen-Raggendorf gegen Norden vor. In Hohenruppersdorf starben 45 Zivilisten. In Obersulz dauerten die Kämpfe zehn Stunden. Währenddessen flogen sowjetische Fliegerverbände Angriffe auf den Raum Korneuburg und Mistelbach. Die deutschen Bomber griffen den Raum Tulln-St. Pölten an, um den Angriff der Sowjets im Tullnerfeld abzuwehren. Aber auch hier wurde ein Ort nach dem anderen durch die Rote Armee eingenommen: Atzenbrugg, Hasendorf, Sitzenberg, Reidling; dann weiter Jeutendorf, Weißenkirchen an der Perschling, St. Andrä an der Traisen usw.  
Das Oberkommando gab abends einen geschönten Lagebericht, der keineswegs den Tatsachen entsprach: „Stärkere feindliche Angriffe nördlich der Mur, am Wienerwald und östlich von St. Pölten führten zu Einbrüchen, die abgeriegelt wurden. In Wien dauern die schweren Straßenkämpfe an. Im Donau-March-Winkel und an der March verhinderten unsere Divisionen Durchbruchsversuche starker feindlicher Infanteriekräfte. Schwächere Kampfverbände warfen Bomben auf einige Orte im südostdeutschen Raum.

Samstag, 14. April 1945

Der Kampf an den Fronten im Wienerwald und im Marchfeld ging weiter. Im Raum St. Pölten fiel nach langen Kämpfen Böheimkirchen. Die deutschen Truppenteile zogen Richtung St. Pölten ab. Herzogenburg, das durch drei Luftangriffe schwer beschädigt war, fiel kampflos in die Hände der Sowjets. Im Artilleriefeuer starben 35 Zivilisten. Bei Pottenbrunn tobte eine Panzerschlacht – 20 Panzer wurden abgeschossen. Auch im Bezirk Lilienfeld begannen nun Angriffe der Sowjetarmee gegen dort liegende SS-Panzereinheiten.   
Nördlich der Donau gingen die Kampfhandlungen in unverminderter Härte weiter. Die vom 13. bis 23. April tobende Schlacht im Marchfeld war die härteste Auseinandersetzung auf österreichischem Boden. Sie diente als Flankenschutz der „Operation Prag“, die östlich der March Richtung Brünn gegen die Flanke der Heeresgruppe Mitte zielte. Gaweinsthal wurde zwar kampflos aufgegeben, nach dem Vorrücken sowjetischer Truppenteile dann aber durch Granatwerfer beschossen. Kronberg und Riedenthal fielen kampflos; Hohenau an der March fiel nach viertägigen Kämpfen – 30 Zivilisten wurden getötet, 50 Gebäude zerstört, die Thayabrücken gesprengt. 
An Reichsleiter Martin Bormann gab die Gauleitung Niederdonau einen Lagebericht: „Einbruch bei Puchberg und am Südberg der Hohen Wand westlich Kotzenstein im Gegenstoß bereinigt. Gegner in Schwarzensee eingebrochen. Im Raum St. Pölten steht Gegner in Herzogenburg und an der Straße St. Pölten-Krems. Von Klosterneuburg hat der Gegner Brückenkopf bei Korneuburg gebildet, Bereinigung bisher nicht gelungen. Der Kampf um Wien geht seinem Ende zu; Floridsdorfer Brücke gesprengt, von Reichsbrücke keine Meldung. Großer feindlicher Schlachtfliegereinsatz über Wien nördlich der Donau. Einbruch südwestlich Großenzersdorf, Richtung Stetten. Im Raum Zistersdorf keine nennenswerten Veränderungen. Bei Hohenau Einbruch von Süden und Osten. Kämpfe im Ort.“ 

Sonntag, 15. April 1945

Die Kämpfe dauerten im Marchfeld, im Raum Korneuburg und um Raum St. Pölten weiter an. Die Orte wurden wechselweise von sowjetischer oder deutscher Artillerie unter Beschuss genommen, Bomber flogen Angriffe gegen gegnerische Ziele. Langenzersdorf wurde von Klosterneuburg aus unter Beschuss genommen. Die aus Richtung Deutsch-Wagram vordringenden Sowjettruppen stießen bei Gerasdorf auf heftigen Widerstand von SS-, Panzer- und Flak-Einheiten: 30 Personen starben, 16 Objekte brannten aus, die Kirche und viele andere Gebäude wurden teils schwer beschädigt.
Im Raum St. Pölten fiel ein Ort nach dem anderen: u. a. Hain, Ragelsdorf und Ratzersdorf. Schwere Panzerkämpfe fanden südlich von St. Georgen am Steinfeld statt. Bei Ochsenburg überschritten sowjetische Truppenteile die Traisen und rückten Richtung St. Pölten vor. Selbst ein so kleiner Ort wie Ambach, eine Katastralgemeinde von Oberwölbling, wurde schwer umkämpft: Deutsche Einheiten hatten sich im Wald verschanzt und nahmen den von den Sowjets besetzten Ort unter Beschuss: 17 Häuser wurden vernichtet, 13 Zivilisten fanden den Tod. Ähnliches spielte sich in Karlstetten, Statzendorf und Wagram an der Traisen ab. In den Abendstunden fiel schließlich St. Pölten, nachdem die Deutsche auf ihrem Rückzug alle Brücken gesprengt hatten. Während der vorangegangenen Fliegerangriffe waren 39 Prozent des Hausbestandes zerstört und 591 Zivilpersonen getötet worden.
Die Gauleitung Linz meldete abends an die Parteikanzlei in München: „In Wien ist der Kampf beendet. Ein tiefer Einbruch gelang den Bolschewisten an der Traisen, schwere Straßenkämpfe in St. Pölten; Stadt nicht zu halten. Richtung Krems starkes Vordringen der Bolschewisten bei Herzogenburg. Traismauer und Statzendorf von den Bolschewisten genommen. Nördlich der Donau bei Zistersdorf keine weiteren Fortschritte. Brückenkopf in Feindeshand. Traisenlinie, die gehalten werden sollte, ist durchbrochen. Die Stoßrichtung geht gegen Melk, donauaufwärts gegen Linz. Gauleiter Eigruber ist zwar seit Monaten vorbereitet, ob er halten kann, kann er nicht sagen; vorbereitet ist der Gauleiter seit langem!
Um 22 Uhr 30 tickte der Fernschreiber wieder: „St. Pölten von Bolschewisten genommen, Vormarsch geht mit schwachen Kräften weiter Richtung Scheibbs und Melk.

Montag, 16. April 1945

In der Nacht war die Temperatur noch einmal unter 0 Grad gefallen. Auf die kalte Nacht folgte ein sonniger, wolkenloser Himmel, der im krassen Gegensatz zu den Geschehnissen auf der Erde stand. Schon in der Nacht waren wieder die Bomber von Foggia aufgestiegen und bombardierten Ziele in Österreich, ein schwerer Luftangriff traf Villach. Die Luftflotten sollten jetzt laut Befehl des Oberkommandierenden nur mehr zur Unterstützung der Bodentruppen eingesetzt werden. Für die Zivilbevölkerung machte es aber keinen Unterschied, ob sie aus strategischen oder taktischen Gründen dem Bombenhagel ausgesetzt waren.
Beiderseits der Donau in Niederösterreich gingen die Kämpfe mit unverminderter Härte weiter. Die Eroberung von Klein-Rust etwa, einem kleinen Ort im Bezirk St. Pölten, der auch heute nicht mehr als 113 Einwohner zählt, dauerte 24 Stunden. Mussten die deutschen Truppen abziehen, so revanchierten sie sich meist noch beim Rückzug mit Artilleriefeuer. An der Pielach in Obergrafendorf standen sich deutsche und sowjetische Truppenteile gegenüber; Eisenbahnbrücken der Mariazeller Bahn wurden gesprengt. Auch Obritzberg kam in die Kampflinie: Deutsche Truppen sprengten den Kirchturm. Deutsche Flieger bombardierten Pottenbrunn.
Währenddessen entwickelte sich der Kampf im Marchfeld zu einer richtigen Schlacht. Die deutsche Armee hatte den Auftrag, die Erdölförderanlagen mit aller Kraft zu verteidigen. Es waren dies die letzten im „Deutschen Reich“, die noch einigermaßen in Betrieb waren.
In den Bezirken Mistelbach und Gänserndorf setzte die Rote Armee ihren breiten Frontalangriff fort. In Schrick zerstörten Bomber 71 Objekte, 98 erlitten schwere, 60 leichte Schäden; 60 sowjetische und 46 deutsche Soldaten fielen. Palterndorf, im Tal der Zaya gelegen, wurde von einer deutschen Einheit mit Sturmgeschützen acht Tage verteidigt. Die Sowjets mussten Flieger und Stalinorgeln einsetzen. Nach der Eroberung war der Ort nahezu zerstört.
Der Bericht nach München sah die Lage durch eine rosarote Brille: „Kleiner Einbruch in Enzersdorf nach Wölbling; zwei kleinere eigene Kampftruppen zum Vorstoß angesetzt. Abschnitt St. Pölten: keine stärkeren feindlichen Angriffe. Panzer Richtung Wilhelmsburg gegen linken Flügel des 1. SS-Korps. An der Donau nichts Neues. Feindlicher Vorstoß auf Korneuburg abgewehrt. Angriff gegen Manhartsbrunn zwang, eigene Gefechtsvorposten zurückzunehmen. Aus Korneuburg wird Panzerangriff Richtung Stockerau erwartet. Einbruch bei Wolfpassing an der Hochleithen. Korps 'Feldherrnhalle' wird westlich Wötzersdorf in breiter Front durch Infanterie angegriffen. Allgemeiner Eindruck: Bolschewisten scheinen kampfmüde zu sein. In Steiermark keine weiteren Veränderungen, lediglich Fürstenfeld vom Feind genommen.

Dienstag, 17. April 1945

Der Schwerpunkt der Kämpfe lag an diesem Tag wieder nördlich der Donau. Noch immer wurde um jeden kleinen Ort im Weinviertel gekämpft, im Bezirk Korneuburg etwa rund um Tresdorf: 36 Häuser und Scheunen brannten vollständig aus. Um ihren Rückzug zu decken, sprengten die deutschen Truppen Straßen- und Bahnbrücken. Im Bezirk Mistelbach zeichnete sich ein ähnliches Bild ab. Die Orte lagen unter Artilleriefeuer und Fliegerbeschuss. Um Niederkreuzstetten etwa dauerten die Kämpfe zwölf Stunden. Im Bezirk Gänserndorf eroberten die sowjetischen Truppen weitere Orte, darunter Dobermannsdorf, Gösting, Großinzersdorf, Windisch-Baumgarten und Zistersdorf.
Südlich der Donau gab es rund um Herzogenburg heftige Kämpfe. SS-Einheiten und der Volkssturm verteidigten die Stadt gegen die aus Norden und Osten vordringenden Sowjettruppen. Auch Orte im Bezirk Krems gerieten nun in den Feuerbereich der sowjetischen Artillerie. Die Hauptkampflinie verlief südlich von Höbenbach (bei Paudorf).      
Abends ging ein Bericht des Gauleiters von Oberdonau, August Eigruber, nach München: „Wilhelmsburg zurückgewonnen, westlich St. Pölten wechselvolle Kämpfe vor Gerersdorf, nördlich bei Hollenburg. Östlich Krems Übersetzversuch über die Donau abgeschlagen. Zistersdorf vom Feind erobert, die Ölgebiete sind schwer gefährdet und nicht zu halten. Feind vor Mistelbach; zwischen Zistersdorf und Mistelbach tiefe Einbrüche Richtung Brünn.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra, Kuratorin und Wissenschaftliche Leiterin Geschichte
Verwendete Literatur: Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945. Wien 1969.

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